Wenn es Nacht wird, kommen die Gespenster.
Ich meine nicht das Krachen im Gebälk, die kreischende Katze oder die Fledermäuse unter den Dachpfannen.
Ich meine die, die kommen, wenn man die Augen schließt. Es sind die, die nicht mehr leben und einen zwischen Tag und Traum besuchen. Aus dem anderen Reich drängen sie sich im Halbschlaf in meinen Kopf.
Alles Ablenken funktioniert nicht. Ich zähle das Ausatmen bis zehn und dann wieder von vorne, eins, zwei, drei… Kalter Orangensaft, warme Milch, nichts hilft. Sobald ich versuche zu schlafen, sind sie wieder da.
Ich sehe das Haar der Freundin glänzen, höre ihr kehliges Lachen, wenn sie sich das Cello auf den Rücken wuchtet.
Der Vater läuft durch’s Bild, lächelt und winkt. So auch die Tanten, der Cousin. Und dann noch der Deutschlehrer.
Alle Toten der letzten Jahre kommen mich besuchen. Mein Hirn will das so.
Sie haben keine Botschaft, oder ich verstehe sie nicht.
Sie wirken nur sehr friedlich, fast fröhlich.
Vielleicht will mein Kopf mir sagen : hab keine Angst, zumindest nicht davor.
Kann ich dann einschlafen, wenn ich das begriffen habe?
Zumindest banne ich jetzt alles in mein Blog und versuche nochmals, den Schlaf zu suchen, vielleicht ohne Besuch der Geister?
das Leben
Bin ich schön?
Als kleines Mädchen muss ich unglaublich niedlich gewesen sein. Die Verwandtschaft stürzte sich auf mich, knuddelte und frisierte mich. Oder versuchte es zumindest. Es war mir unglaublich lästig. Heute noch spricht man davon, wie ich mich dagegen gewehrt habe.
Als dann die lange Locken ab waren und die Schule anfingt, war es mit der Niedlichkeit zu Ende.
Und ich war froh.
Alles Wichtige habe ich in der 5. Klasse erledigt. Ich wuchs auf einsfünfundsiebzig heran und ich bekam meine Tage. Die Schuhgröße schob sich auf vierzig und danach passiert nichts mehr.
Rein körperlich gesehen. Ich fuhr weiter Fahrrad und las die Bücherei durch von A bis Z.
Ich war die größte und folglich die schwerste der Klasse. Und im Sport unglaublich ungeschickt. Da wir lange Zeit fast nur an Geräten turnten, die zu klein für mich waren, kein Wunder.
Gezeigt hat mir niemand etwas und durch beobachten war es nicht herauszubekommen, wie man nun über den Bock sprang. Folglich galt ich als fett. Die Mädchen sagten mir das, in aller Freundlichkeit. Zuerst begriff ich nicht, dass das nichts Nettes ist, mit der Zeit dann aber schon. Ich wurde nicht in Mannschaften gewählt, bekam blöde Kommentare.
Meine Mutter war von ähnlichem Kaliber. Sie nähte uns die Kleidung, und fand, dass wir dünner sein sollten. Ich fühle heute noch ihren Klatsch auf den Bauch : Iss weniger!
Dabei kochte sie gut und sehr viel. Und ich aß gerne, tue es noch heute.
Und es gab eigentlich dauernd etwas zu essen.
So habe ich mir wenig Gedanken darüber gemacht, ob ich nun schön bin. War ich ja nicht, war ja zu fett. Die Mitschülerinnen lasen Bravo, meine Mutter Burdamoden.
Auf die Idee, mich mit den dort abgebildeten zu vergleichen, kam ich nie.
Ich war anders und basta. Meine Leserei hatte mich immun gemacht. So viele Geschichten, so viele Leben waren im meinem Kopf, dass ich mir um mich wenig Gedanken machte.
Später dann hieß es plötzlich: hast Du schöne Lippen, hast Du schöne Haare, und Deine Beine!
Ich habe nichts geglaubt, ich war ja zu fett.
Dieses „fett“ hieß plötzlich Figur, Form, weiblich, und dabei war es die selbe Größe, die ich in der Pubertät trug.
Was ich gelernt habe:
Mädchen, und Frauen, leben im Vergleich mit anderen und legen somit die Quelle ihres Unglücks selbst.
Und Mädchen sind gemein zueinander. Nie habe ich so gnadenlose Kommentare bekommen wie von Geschlechtsgenossinnen.
In meinem ganzen langen Leben hat mir ein einziges Mal ein Mann gesagt, ich sei ihm zu fett. Ein kleiner, rotgesichtiger Kollege mit ungewöhnlichem Pullovergeschmack. Ich habe ihm geantwortet, dass er mir zu klein sei, und dann war gut.
Inspired by Das Nuf
Nachtrag: Bericht eines schwedischen Models über die Welt der Körpermaße
Zweitausendvierzehn
Januar
Beruflich sehr viel zu tun. Zwei Leistungskurse im Abitur, mehr braucht es nicht.
Februar
Beschäftigt mit den Folgen aus dem Januar. Ob wir da irgendein Wetter hatten, weiß ich nicht mehr. Habe korrigiert und Gutachten geschrieben, vermutlich gegessen, geschlafen und sonstwie überlebt.
März
Nach dem mündlichen Abitur war zum ersten Mal wieder Leben in mir.
Habe in bißchen für den Garten geplant und Krimis gelesen, einen Schal gestrickt und mit Schülern einen Ausflug gemacht.
April
Bin durch die Extremadura gereist, was ich schon lange wollte. Ostern in Spanien, ich mag die Dramatik der Semana santa. Viele Störche, viele Burgen bestiegen und das so ziemlich ohne Angst. Ein Novum. Was gebastelt für ne Kunstaktion. Und ein Baby besichtigt, das so ziemlich alles überlebt hat, was geht. Und fröhlich ist.
Einen Vortag organisiert, über die vielen Zuhörer gefreut und die Referentin bespasst.
Mai
Wieder einen Vortag organisiert, mich über die vielen Zuhörer gefreut und dann den Referenten bespasst.
In einem Museum am Hang gewesen, mit großem Ohr und einem Sauhund. Also eigentlich gab es die Tiere in der Kunst.
Juni:
Vielviel Arbeit. Fortbildung hat auch noch reingepasst, wobei es die übelste meines Lebens war.
Hatte Aggressionen wie ne Jugendliche, bin dann aber nicht ausgerastet sondern habe an die Akademie geschrieben. Fand mich sehr erwachsen. Achja Fussball, der Zeitfresser. Und man isst nur noch im Liegen.
Juli
Jetzt Irland, mit Einblicken in verzweigte Verwandtschaften, komplexe Geschichte und verwirrende Literatur.
August
Jetzt Amerika auf Freundesbesuch. Mit Truck über die Berge. Beim Bloggen bin ich da gerade stehen geblieben. Überhaupt, die Bloggerei, vernachlässigt habe ich sie.
September
Arbeit, Arbeit,Arbeit. Und der Tod eines früher sehr nahen Menschen.
Oktober
Noch eine Reise , schon wissend um eine sehr schlechte Nachricht.
Noch einmal des Meeres Wellen.
November und Dezember
Beide können getrost zusammengefasst werden unter : alles, aber auch alles ist anders.
Die Arbeit ist am Horizont verschwunden, und zurück blieben Krankenhaus, Schmerzen, Schwäche, und die Angst. Der Verlust ist auf allen Ebenen zu beklagen. Aus Farbe wurde Schwarzweiss, aus Licht wurde Dunkelheit. Und doch sind da Menschen, die Anteil nehmen. Auch von unerwarteter Seite.
Ob es ein Wetter gab, lässt sich nicht mehr feststellen
Zusammenfassen lässt sich das Jahr nicht.
Die ersten drei Viertel waren das pralle Leben und unendlich viel Arbeit.
Das letzte Viertel ist das krasse Gegenteil.
Nichts zu tun, nur der Kampf bleibt. Das Leben ist das Ziel, der Weg Horror.