Hundert Jahre

Was mein einer Großvater im ersten Weltkrieg gemacht hatte, weiß ich nicht. Der andere, Vater meine Mutter, war in den Gräben von Ypern, Jahr um Jahr. Er hat den Frontverlauf erlebt, wie er sich verschob um ein paar Meter in ein paar Monaten. Er erzählte von der Angst vor dem Gas. Von den Zeiten, als man einfach keine Lust mehr hatte, auf Engländer zu schießen. Und die  hatten auch keine mehr zurückzuschießen. Sie sprangen mit großen und weiten Sprüngen von Graben zu Graben, das hatte ihm imponiert. Er hatte Pferde zuhause und so betreute er hier auch welche. Bis zum bitteren Ende, bis sie alle so hungrig waren, dass sie sie aufaßen. Süß schmeckten sie, sagte er, sehr süß. Irgendwie gelangte er ins Elsaß, auf den Hartmannweiler Kopf. Ein Geschoss zerfetzte seinen Arm. Man brachte ihn ins Lazarett. Da lagen die anderen, Reihe um Reihe, vor einem großen Zelt. Diese gellenden mörderischen Schreie, die aus dieser Richtung kamen, konnte er Zeit seines Lebens nicht vergessen. Langsam begriff er, dass dort amputiert wurde. Man wollte ihm den Arm abnehmen. Er wehrte sich, brüllte, tobte, man solle ihm den Arm lassen. Ihn nur zusammennähen, das würde schon zusammenwachsen. Er wolle nicht am jüngsten Tag durchs Elsaß wandern und seinen Arm suchen. Das überzeugte den Chirurgen und er flickte ihn zusammen. Und genau so kam es auch. Der Arm blieb steif, aber er war da. 

Die Lebensfreude blieb ihm erhalten, er tanzte auf jedem Ball mit seinen Töchtern Walzer. Er hatte sechs davon. Und fasste nie wieder eine Waffe an. Als er starb, standen seine Kameraden von Kriegsversehrtenverband mit großen Fahnen am seinem Grab wähend ein Trompeter blies.

Hundert Jahre ist das her, dass dieser Krieg zu Ende ist.

Achtzig Jahre

Die Synagoge lag direkt neben dem Gymnasium. In dieser einen Nacht war sie geplündert worden und alles, die Thora und die Gedenktafel, flogen auf die Strasse. Es gelang ihnen nicht, das Gebäude anzuzünden. Mein Vater erzählte, dass Anwohner die angereisten Schlägertrupps davon abgehalten konnten. So gibt es das Gebäude heute noch. Die jüdischen Familien waren um diese Zeit einfach verschwunden. Zwei Klassenkameraden meines Vaters kamen eines Morgens nicht mehr zur Schule. Er fragte dann den Lehrer, wo sie denn seien. Weggezogen, sagte der Englischlehrer. Das könne nicht sein, sagte mein Vater, die hätten sich ja dann von mir verabschiedet. Ab da wusste er, dass etwas nicht stimmte, erzählte er später. Und ab dem Moment schaute man ganz genau auf ihn. Sein Vater war früh gestorben, die Mutter hatte 8 Kinder und kam kaum über die Runden. Sie fuhr von Dorf zu Dorf um die Rechnungen für die Denkmäler bei den Bürgermeistern einzutreiben, die der Vater noch in seiner Bildhauerwerkstatt hergestellt hatte. Der kleinste Junge fand dann Hilfe bei den Patern des Klosters um die Ecke. Sie halfen ihm bei den Schulaufgaben und er war Ministrant bei den Messen der Mönche. Und sie machten ihn stark. Es kam für ihn dann die Zwangsmitgliedschaft in der Hitlerjugend. Die Treffen waren exakt auf die Gottesdienstzeiten ausgerichtet. So trug er unter dem Ministrantengewand die HJ- Uniform, um sich nach dem Gottesdienst zu deren Versammlung zu schleichen. Er wurde nach einiger Zeit erwischt, und er kam vor das Femegericht der HJ. Anklagepunkt: Entehrung der HJ- Uniform. Der Leiter war sein Englischlehrer. Er wurde unehrenhaft aus der HJ entlassen und flog dann auch noch von der Schule. Meine Tante konnte das mit viel Charme abbiegen. Es nutze aber nichts, die Lehrer waren alle auf Linie, und so dauerte es kein halbes Jahr und ein paar erfundene Sachen, und er musste das Gymnasium endgültig verlassen. Die Familie war eh unter Beobachtung. Die Mutter war nicht im Rathaus erschienen zur Übergabe des Mutterkreuzes. So brachte eine Delegation mit braunen Uniformen das goldene Abzeichen zu ihr nach Hause. Sie warf es in die Toilette, sobald die Braunen weg waren. In diesem Haus wird es kein Hakenkreuz geben, sagte sie. Und so blieb es. Man fand für meinen Vater mit der Künstlerseele eine Lehrstelle als Eisenwarenkaufmann. Wie gefährlich die Lage war, war allen klar. Die Schwester hatte einen der Busse gesehen, die in der nahe gelegenen Heilanstalt die Behinderten abholten für Ausflüge. Die Busse hatten alle keine Fenster. Was aus den jüdischen Jungen aus seiner Klasse wurde, hat er nie erfahren. Leider habe ich mir die Namen nicht gemerkt. Heute könnte ich nachschauen. Achtzig Jahre ist das heute her, auf den Tag genau, an der die Synagogen zerstört wurden.

So ging es weiter

Twitterlieblinge im Oktober 18

Dieser Monat war geprägt von zwei Wochen im Süden und anschließend vom Wahlkampf. Dass Frau Merkel nicht mehr für das Amt als Parteivorsitzende kandidiert, ist ein großer Einschnitt. Dem vernünftigen Teil der Deutschen wird sie fehlen mit ihrer unaufgeregten Art. Als Naturwissenschaftlerin aus dem Osten hatte sie es sicher schwer, die Partei zu entkohlen und die ganzen Gockeltänze weltweit und vor Ort auszuhalten. Dass sich die Aufnahme der Flüchtlinge, ein zutiefst menschlicher Akt, so persönlich gegen sie verwendet wird, hat sie nicht verdient. Und die ganzen Menschen in der Flüchtlingshilfe auch nicht. Oder wie Madeleine Albright sagt: Der Faschismus ist in Mode gekommen. Der Hass, der Neid, sie verhärten die Menschen. Ich habe mir feste vorgenommen, in meinem Umfeld dagegen anzugehen, mit Freundlichkeit und Humor, Tag für Tag. 

So, jetzt zu den Tweets des Monats. Es sind auch viele biologische dabei, irgendwie hab ich’s mit Tieren zur Zeit. Viel Spass dabei.

Bei Anne gibt es mehr http://anneschuessler.com