Es hat sich vieles verändert im Ländle. Vor langer Zeit bin ich ausgewandert und hatte bis auf verwandtschaftliche Kontakte und ein paar Freunde wenig mitbekommen, was sich tut. Im Exil musste ich erklären, wieso so ein straffes CDU-Land nun eben die Grünen wählt und das nun zum dritten Mal.
Nun, ich dachte, ich verstehe die Mentalität ein bißchen. Man denkt nicht hierarchisch und das vermeintliche Preußische verachtet man unter anderem wegen seinem Drang zur Unterordnung. Man kontrolliert sich trotzdem gegenseitig und gibt gerne Tipps zur Lebensführung. Ja, das fehlt mir halt nicht.
Man mag keine staatliche Kontrolle und geht auch dagegen vor. Das Geburtsland der Grünen ist nicht ohne Grund Baden Württemberg.
Die freien Badener, die bockigen Württemberger, gemeinsam saßen sie vor geplanten Kernkraftwerken und den Atomwaffenlagern.
Man lässt sich halt nicht gerne bestimmen.
Nun. Jetzt zu sehr merkwürdigen Veränderungen. Ich hole jetzt etwas aus. Radarfallen gab es schon immer, hellgrüne Kästen am Ortsrand und an uneinsehbaren Stellen. Ab und an kletterte die Dorfjugend hoch und holte eine Spiegelreflexkamera raus, oder schoss zum Abschluss des Schützenfestes mit Schrotgewehren drauf. Ging auch. Man wollte sich nicht kontrollieren lassen.
Jetzt aber stehen neben den alten Starenkästen dunkle Säulen, die nach allen Richtungen messen. Drei in einem Dorf.
Und ganz viele stehen im Kreis Tübingen
Warum lassen sich die Leute diese offensichtlichen Geldbeschaffung gefallen? Ich kenne meine Schwaben nicht wieder (im Badische sind die Blitzer seltener.)
Es sind keine Gefahrenstellen, sie stehen kurz nach dem 30er-Schild und kurz vor der 50er-Tafel.
Fahren sie selbst nicht mehr rein und möchten so gerne an das Geld der überraschten Touristen kommen?
Hat sich der Charakter gewandelt und man findet solche behördlichen Maßnahmen plötzlich toll?
Eine unrepräsentative Umfrage im Freudes- und Verwandtenkreis hat verschiedene Aussagen ergeben.
Ich stelle sie jetzt einfach mal vor.
– Sie fahren auch selbst rein und ärgern sich, und das nicht mal so selten.
– Wenn man sich einfach an die Vorschriften halten würde, passiere ja nichts.
– Die Leute sind genervt vom vielen Durchgangsverkehr und dem Lärm. Und sie sehen es als Gegenwehr. Sie bekämen keine Umgehungsstraße, so gibt es eben Blitzer.
– Sie sind eine sichere Einnahmequelle für die Gemeinden.
– Man könne sich nicht mehr so einfach anschleichen wir früher. Die Bilder werden direkt übertragen. Aber im Nachbardorf hätten schwarz Gekleidete bei Nacht einen Autoreifen über eine Säule gestülpt und ihn angezündet. Nein, man weiß bis heute nicht, wer es war.
Auf meine Frage, warum sie nichts dagegen unternähmen, kam nur Schulterzucken. Man kann eh nichts machen.
Ich glaube, der Geist hat sich gewandelt, ist einer doch sehr kleinkarierten Weltsicht gewichen.
Im Bruchsaler Schloss gibt es eine kleine Ausstellung zur badischen Revolution 1848.
Badische Revolution
Ein bisschen unpassend ist das schon, in einem Schloss als Sitz der Herrschenden verehrt man die Demokratie. Oder bedeutet das etwa, sie hat nun gesiegt? Die Revolutionäre haben übrigens die Tore des Bruchsaler Gefängnisses mit Beilen zerschlagen um die gefangenen Revolutionäre zu befreien.
Kennzeichnend für die Badische Revolution im Unterschied zu den anderen Erhebungen im Deutschen Bund war, dass in ihr die Forderung nach einer demokratischen Republik am konsequentesten vertreten wurde. Demgegenüber favorisierten die Gremien und Revolutionsparlamente der anderen Fürstentümer des Deutschen Bundes mehrheitlich eine konstitutionelle Monarchie mit einem Erbkaisertum.
Sie wurde angeführt unter anderem von Friedrich Hecker einem promovierten Juristen aus dem Kraichgau.
Der Aufstand ging schief und Hecker floh in die USA. Dort beschäftigte er sich mit Weinanbau und es gelang ihm, Kerne des reblausresistenten Reben nach Deutschland zu schmuggeln.
Als Kind kannten wir noch diese Zeilen. Man sprach sie so lange bis der Schluckauf weg war. “Hecker Hecker, gang über dr Neckar, gang über den Rhein. Komm nemme heim.“
Der Schluckauf hieß auch Hecker.
Und das Lied gibt es noch dazu.
Ludwig Pfau „Ohne die Auflösung Preußens in seine Stämme ist die Bildung eines einigen und freien Deutschland eine absolute Unmöglichkeit. Ceterum censeo Borussiam esse delendam.“
Gustav Struve
Er verbrachte eine Nacht im Bruchsaler Gefängnis, bevor ihn die Revolutionäre befreiten.
Struve war schon 1832 durch die Lektüre von Jean-Jacques Rousseaus Roman Émile Vegetarier geworden und wurde in den sechziger Jahren zu einem der Begründer der vegetarischen Bewegung in Deutschland. Nach der Revolution floh er nach Amerika, kam aber nach eine Amnestie wieder zurück. 1868 gründete er „mit Gesinnungsgenossen“ aus Stuttgart und Umgebung einen vegetarischen Verein
Dieses Jahr wird die Badische Revolution 175 Jahre alt. Hier sind einige Artikel der Badischen Zeitung zum Thema.