Indianermangel

Die Serra de São Mamede zieht sich an der spanischen Grenze entlang. Ungewöhnlich für Portúgal, eine waldreiche Gegend, die noch nicht abgefackelt und mit Eukalyptusbäumen aufgeforstet wurde. Die Vegetation ist ursprünglich, man findet neben blühendem weißem Ginster ganze Esskastanienwälder. Menhire und Höhlenmalereien zeigen doch, dass man auch in der Steinzeit hier gerne und vielleicht auch gut gelebt hat. Nach Spanien muss man nur über den Huckel fahren, die grüne Grenze eben. Die Grenzstation ist verfallen und trostlos. Aber dahinter dehnt sich eine weite Fläche aus, trocken und schienbar unendlich. Die Extremadura fängt hier an, Spaniens flachste, heißteste , staubigste Pfanne. Doch hier muss es noch ein bißchen Leben geben. Von irgendwas leben die Störche ja . Zu Hunderten haben sie Strommasten und Kirchtürme okkupiert. Und in ganzen Verbänden stacksen sie über die Wiesen und suchen Mäuse für ihre frisch geschlüpften Jungen. Und ich höre zum ersten Mal im Leben das Geklapper ihrer Schnäbel.

Am besten setzt man sich einfach in Albuquerque auf den Marktplatz, wenn Siesta ist. Kein Mensch da, aber die Storchschnäbel klappern. Man begutachtet den Ortsgigolo, schaut de Schwalben am Rathaus zu und freut sich über den Duft der Orangenblüten. Dreizehn Monate brauchen die Früchte und sind sie fertig, sind schon wieder Blüten da.

Übrigens ist die Siesta ein heilige Ritual. Alle hören mit dem auf, was sie gerade tun. Die Rollläden werden mit einem Ratsch heruntergelassen, die Geschäfte sind zu, die Cafes leer und der Mensch ruht. Und der Tourist schaut sich um.

Die Eitelkeit hat mich hierher getrieben, das muss ich leider zugeben. Ich wollte in beiden Albuquerques gewesen sein, dem in New Mexico und dem in Spanien. Ja, ich habe es geschafft. Welches mir besser gefällt? Ich weiß es nicht. Bißchen wenig Indianer hier

Ausgesetzt auf den Bergen des Herzen

Vor fünfzehn Jahren war es  noch ein gottverlassenes Nest in den Bergen an der Grenze zu Spanien. Halbzerfallen, ein bißchen trostlos und unglaublich eng. Nun ist das Dorf schneeweiß geworden. An die Poussada wurde angebaut und man hat mühevoll einen Park angelegt. Sogar ein Geschäft für Töpferwaren gibt es.

Das alles ist aber kein Grund hierher  zu kommen. Das ist einzig und allein die atemberaubende Aussicht. Und das Gefühl, man schwebe über den Ebenen. Vom Speisesaal aus ist es am schönsten, am Morgen, am Mittag und am Abend. Immer wieder ist es anders. Man könnte betrunken werden von der Landschaft. Vom Alentejo, der Ebene des Tejo.

Die Mauersegel und die Schwalben ziehen ihre Kreise, unter uns. Wie Pfeile durchschneiden sie die Luft. Stundenlang kann man ihnen zuschauen, wie sie elegant und waghalsig zugleich, knapp an Felsen und Mauern entlang ihre Bögen fliegen.

An der Rezeption erzählt sie, dass es kein Lebensmittelgeschäft mehr gäbe. Dafür sei man Weltkulturerbe. Und die Leute, die wir auf der Staße träfen, alles Touristen seien, wie wir. Fast keine Einheimischen mehr, nur noch ein paar alte Leute. Schön und traurig.

Ob sich noch jemand außer mir nach  dem alten  Marvao zurück sehn?

Rilke–Ausgesetzt_auf_den_Bergen_des_Herzens.html

Rundes Ende

Mit Kawumm geht es den Berg hoch. Es ruckelt und zuckelt, wackelt und wuckelt. Bequem ist sie wahrlich nicht, die Straßenbahn durch Lissabon, doch abenteuerlich schon.
Und knapp ist es. Nicht für das gelbe Bähnchen, sondern für die Passanten. Manchmal müssen sie sogar den Bauch einziehen, damit es reicht. Picknick und Geburtstagsfeier am Straßenrand, auch so etwas ist möglich.
Rundkurs, so steht es im Reiseführer. Und so  wartet man beim Bergab auf den Monizplatz, doch er kommt und kommt nicht. Dafür geht es wieder den Berg hoch. Jetzt sind die Häuser nicht mehr so schön und es quetschen sich kaum noch Touristen zwischen Wand und Bahn. Ist man oben angelangt, wird die Bahn geräumt. Alle raus. Und was heißt Rundkurs auf Portugiesisch? Das E hinter der 28 klärt sich jedenfalls. Das E steht für Estrella, das ist der Name des Platzes, der Stern. Und, wenn man so will, der Name des Friedhofes, der dort liegt.
So steht das E auch für Ende, in jeder Hinsicht.