Tante Anna

Ein bißchen seltsam war ich immer, wenn es um eine neue Wohnung geht. Zwei Dinge habe ich mir überlegt: zum einen wo und wie ich raus komme, wenn eine Bombe fällt oder es brennt. Zum anderen wo ich jemanden über längere Zeit verstecken könnte.
Andere überlegen sich sowas nicht, das fiel erst mir recht spät auf.
Bomben kamen nie vor in meinem Leben, Menschen verstecken auch nicht.
Seit ich jeden Tag mit meiner Mutter telefoniere, wird es mir langsam klar. Sitze ich bei ihr, redet sie über Nachbarn und Kochen, am Telefon sind es andere Geschichten.

So die Geschichte als Pforzheim brannte im Krieg. Der Krieg war fast zu Ende, als beschlossen wurde, die Widerstandskraft in Deutschland noch weiter zu brechen. Es gab schon lange kaum mehr was zu essen, die Männer waren im Krieg. Frauen, Kinder und Kriegsgefangene versuchten, irgendwie am Leben zu bleiben. Ende Februar, es war der 23. , haben am Abend fast 400 englische Bomber in kurzer Zeit die Stadt ausgelöscht. Noch aus 50 km Entfernung sah man die ganze Nacht die brennende Stadt. Ein paar Brandbomben trafen nicht, so fiel auch eine auf das kleine schwäbische Dorf. Ein Nachbarhaus wurde getroffen, zuerst war nichts zu sehen. Dann aber, vermutlich als der Phosphor mit der Luft in Berührung kam, brannte es wie eine Fackel. Die Leute rannten raus, und dachten, sie hätten es geschafft, bis sie selbst brannten. Sie hatten Phosphor auf der Haut. In den Bomben war noch Kautschuk, der genau das beabsichtigte, man konnte den Phorphor nicht wegreiben und verteilte ihn noch. So verbrannte die ganze Familie auf dem Hof vor ihrem Haus.

Als Kind muss ich wohl diese Geschichte gehört haben.

Die andere Vorstellung Menschen verstecken zu müssen, hatte ich immer darauf zurück geführt, dass ich recht früh schon das das Tagebuch der Anne Franck gelesen hatte.
Es gibt aber auch noch eine andere, die mir jetzt erst wieder ins Bewusstsein kam. Tja, diese Telefonate. Meine Großmutter hatte eine Cousine namens Anna, mit der sie im regen Briefaustausch stand. Sie schrieben sich ganze Schwarzwälder, also Schwarzwälder Zeitungen, wie meine Mutter sagte.
Diese Tante Anna war mit einem Architekten verheiratet, der Stadbaumeister in einer kleinen Stadt am Rande des Schwarzwaldes war. Und diese hatte Freunde in Rexingen, jüdische Freunde, die es nicht schafften, wegzukommen. So beschlossen sie, die Freunde zu verstecken. Wie gesagt, der Cousinenehemann war Architekt und hatte das Haus selbst geplant. So konnte er Mauern durch das Haus ziehen, dass es nicht auffiel, und so versteckte Zimmer schaffen für diese Familie. Sie haben es tatsächlich geschafft, die Familie durch den Krieg zu bekommen. Die Essensbeschaffung war sehr schwer, doch mit Hilfe von angesehenen Mitbürgern, die sie alle dicht hielten, war es zu bewerkstelligen, der Familie Essen zu beschaffen. Sofort nach Kriegsende ging diese nach Amerika, und kam nach einer Zeit wieder um sich zu bedanken. Bei der ganzen Umbauerei konnten sie auch ihre Wertgegenstände, Silber, Schmuck, mit einmauern. Die holten sie jetzt aus der Wand und schenkten sie Tante Anna und ihrem Mann.

Es ist schon erstaunlich, wie sehr Geschichten einen prägen können.

https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article137691798/Binnen-16-Minuten-starb-jeder-Dritte-in-Pforzheim.html

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Phosphorbombe
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Rexingen_(Horb)

Schreckliche Geschichten

Ob ein Blog der richtige Ort ist für schreckliche Geschichten, weiß ich nicht.
Da aber Haß und und Ausgrenzung beginnen, überall Einzug zu halten, und die Grenzen des Sagbaren unmerklich verschoben werden, ist es doch an der Zeit auch direkt zu sprechen, und Unsagbares zu sagen.

Auf der Fahrt über die Alb zu einem recht traurigen Anlass kamen wir an der Burg Grafeneck vorbei. Burg Grafeneck, die Vernichtungsanstalt im Dritten Reich. Wir fuhren den Berg hoch, sahen das Schloss, die Gedenkstätte, den Friedhof dabei, und viele neue Häuschen. Heute gehört es dem Arbeiter-Samariter-Bund. Ich glaube, es sind Behindertenwohheime. Aber damals in den Jahren 1939/40 wurden hier 10.000 geistig und körperlich behinderte Menschen umgebracht. Als wir nach der Beerdigung wieder zu meiner Mutter kamen, erzählte ich es. Sie berichtete dann von mehreren Erlebnissen, die sie damit in Verbindung bringt. Im Dorf gab es eine Familie, die mehrere Buben hatte, und sich sehr freute über das Mädchen, das dann kam. Dass es behindert war, war traurig, aber sie liebten die kleine Schwester von ganzem Herzen. Sie sollte in ein Heim gebracht werden, was aber keiner wollte. Schließlich wurde sie abgeholt, und nach Grafeneck gebracht. Nur ein paar Tage später kam die Urne mit der Sterbeurkunde. Innerhalb von drei Tagen soll das Kind Lungenentzündung bekommen, daran verstorben und gleich verbrannt worden sein. Dann wusste man im Dorf, was dort geschieht.

Meine Mutter kannte Doktor Paul Mohrstedt, den Leiter der Psychiatrie in Schussenried und er hatte wohl schon Ahnungen was mit den Behinderten geschah, die von den kirchlichen Einrichtung in die staatlichen kamen.
Habe nachgelesen. Nach dem Krieg 45 hatte er dann eine Rechtfertigung geschrieben, in der stand, dass man es nur ahnte, aber nicht wusste. Seinem Stellvertreter hingegen war wohl ganz klar, dass man die Angehörigen benachrichtigen musste, dass sie ihre behinderten Verwandten aus den Heimen so schnell wie möglich rausholen konnten. Mittlerweile ging das ohne Genehmigung schon nicht mehr, oder es war sehr schwer. Sobald nämlich die Behinderten in den staatlichen Einrichtung landeten, waren sie verschwunden. Meist recht schnell kam dann eine Urne, eine Sterbeurkunde mit Todesursache, alles amtlich beglaubigt. In Grafeneck gab es auch ein
Standesamt, eine Polizeistation, die ganzen ordentlichen behördlichen Einrichtungen waren vorhanden. Später dann, nach nem Jahr wohl, war die umliegende Bevölkerung alarmiert, die Kirche alarmiert, und es gab Eingaben und Briefe, auch nach Berlin. Und so wurde die Anstalt verlegt mit Personal und zum Teil noch Einrichtung nach Hadamar bei Limburg.

Meine Mutter berichtete dann von einer weiteren Erlebnis mit einem Großcousin, die Großmütter waren Geschwister. Sie war zwölf, er etwas über zwanzig Jahre alt. Und sie besuchte ihn mit der Tante in der Anstalt Weißenau am Bodensee.

Ein Wärter sorgte dafür, dass sie sich unter einen Baum setzen konnten, wo kein anderer sie sah. So haben ihm Essen mitgebracht, ein Stück Wurst über Marken, etwas Brot. Meine Mama erzählt, er hätte gegessen wie ein Tier. Er hätte alles in sich reingeschlungen. Dann berichtete er, warum er hier sei. Er war wohl an der Ostfront und hatte dort ein Fronterlebnis, wie das damals genannt wurde. Sie wurden überfallen von der Gruppe Russen. Die Russen hätten die deutschen Soldaten mit einer Kreissäge in Stücke geschnitten und die noch Lebende mit den Leichenteilen beworfen. Den Soldaten wurden die Zunge aus dem Mund geschnitten, die Leichen bestialisch verunstaltet.
Und er hätte sich unter einem Berg solcher Körperteile versteckt und hätte so überlebt, weil er sich totgestellt hat. Wie er da rauskam, wusste meine Mutter nicht mehr.
Danach ging es ihm sehr schlecht und man hat ihn in die Heilanstalt Weisenau überwiesen.

Er hat sich sehr über den Besuch gefreut, war sehr gerührt. Er kannte natürlich die Tante und meine Mutter als kleines Nachbarskind. Nicht lange danach kam die Nachricht aus Weisenau, er sei verstorben.

Mein Großvater sollte dann mit dem Pferdefuhrwerk den Sarg abholen am Hechinger Bahnhof. Zuhause war die Beerdigung schon arrangiert. Das heißt, die Leute standen schon da. Es gab keine Möglichkeit den Sarg zu öffnen und nachzuschauen, der Zeitplan war zu eng. Mein Großvater erzählte, er hätte mit dem Wagen und dem Sarg im Galopp fahren müssen, damit er rechtzeitig zur Beerdigung da war. Meine Großmutter hatte dann noch die Gelegenheit, die Papiere anzuschauen, die da kamen. Darin stand nur, er litt an einem Fronterlebnis.
Woran er gestorben war, war aus den Papieren nicht zu erfahren.

WmDedgT 02/2019

Frau Brüllen will es wieder wissen. So berichte ich eben über den heutigen Tag.

So, der Wecker schaffte es mich aus dem Bett zu schieben. Etwas Müsli und eine Tasse Kaffee als Starter reichen vòllig. Kurz nach sieben geht es Richtung Schule, Unterricht eben. Der Kopf platzt fast, habe schlecht geschlafen. Irgendwie geht es rum bis zur Freistunde. Ich fahre kurz nach Hause, hole eine Kopfschmerztablette. Dann geht es wieder weiter. Große, Kleine, Große. Ich muss mich schnell umstellen, die Sprachebene ist eine andere. Die alten Tricks der Begeisterung ziehen immer noch. So planen sie bis zur nächsten Stunde was ganz Aufregendes, was wir dann filmen können. Es gibt da einen Wettbewerb.
Nun, es gibt noch was Berührendes. Es baut sich eine auf vor mir nach der Stunde und dankt mir mit strahlendem Lächeln, dass ich sie mehrfach gedrängt habe zum Arzt zu gehen. Ein paar Besonderheiten an ihr sprachen für etwas Seltenes, ungewöhnlich für ein junges Mädchen. Und nun steht die Diagnose, meiner ähnlich.
Ich fahre kurz nach Hause, erwärme die Reste vom Sonntagsbraten, mache Schnellcouscous und einen Salat dazu. Herr croco kommt zum Essen nach Hause, erzählt Unsägliches, ich lege mich kurz hin und fahre wieder in die Schule. Nachmittagsunterricht. Danach gibt e noch ein Krisengespräch mit einer Kollegin und ich fahre heim. Wir essen was zusammen, ich lese im Internet und Herr croco macht auf Nachrichten und dann auf Fussball. Noch ein Mamatelefonat, ein paar Kopien, etwas Orientierung in den Unterlagen für morgen und einen kurzen Tagesbericht für‘s Internet. Dann geht es ins Bett.