Warum ich Überschwemmungen liebe

In einer dieser kleinen schwäbischen Städte bin ich aufgewachsen, die in einem Tal liegen und praktisch aus Fachwerk bestehen. Zwei Mal im Jahr kam das Hochwasser zu Besuch. Meist merkten wir es, wenn sich vor dem Kinderzimmerfenster das Blaulicht der Feuerwehr drehte. Der kleine Fluß wurde zum großen Fluß und besuchte die Straßen und Keller der Anwohner. Er drückte sich durch die Gullies in die Staßen und alles, was schon im Abwasserkanal war, kam zurûck in die Häuser. Dort traf das Wasser auf die eingekochten Kirschen und Zwetschgen des letzten Sommers und nahm sie mit nach oben. Die Apfelsaftflaschen folgten ihnen. Die Eier und das Sauerkraut aus den Tontöpfen ließen die Gefäße zurück und trieben ebenfalls oben. Alles war eine elendige Sauerei und ein Riesenspaß. Die Feuerwehr pumpte und dann schrubbte man alles wieder sauber. Bis zum nächsten Mal.
Kam das Wasser bei Tag, konnte es sein, dass man dem Mühlbach entlang zur Schule radelte und beim Rückweg auf einen See traf. Dann war es gut, wenn man ungefähr wusste, wo der Radweg lag. Man beschleunigte so schnell es eben ging, zog die Beine an und schaffte es mit einem Schwung durch das Wasser. Wenn es schief ging, fiel man in die Pampe und roch dann etwas streng.
Ich liebte den rasch steigenden, rauschenden Fluß. Wenn der Opa zu Besuch war, ging er mit mir dahin, schweigend, Hand in Hand. Mein Vater mochte es auch, das Rauschen.
Er war mutiger als der Schwiegervater und wir nahmen die Holzbrücke ans andere Ufer. Mitten auf der Brücke blieben wir stehen und schauten in ins tobende Wasser. Es war mittlerweile so gestiegen, dass kaum noch Luft unter den Balken war. Immer wenn wir hier standen, erzählte er mir die Geschichte vom Lugenbriggle, also der Lügenbrücke. Wer gelogen hatte und über diese Brücke ging, den nahm das Wasser mit. Was waren wir froh, dass wir nicht gelogen hatten. Und wir spazierten vergnügt weiter. Bis eines Tages das Donnerwetter über uns herein brach. Der Fluß hatte nun doch die Brücke mitgenommen und es stellte sich heraus, dass wir beide noch eine halbe Stunde vorher auf den ächtzenden Balken standen. Meine Mutter hatte von der verlorenen Brücke in der Zeitung gelesen und schimpfte meinen Vater gründlich aus. Ich zog den Kopf gleich mit ein. Unsere verschwörerischen Blicke fanden sich und wir lächelten in uns hinein: das war es wert, das Rauschen.