Magisches Galicien

Dass Galicien nicht sehr spanisch ist, merkt man daran, dass der ganze Stierkult nicht stattfindet. Keine Arenen, keine Zuchstiere auf den Weiden. Dafür findet man sich plötzlich in einer Herde wilder Pferde, wenn man über Land fährt. Irgendwann im Juli werden sie zusammen getrieben und markiert.
Nach ein paar Tagen fühlt man sich nach Irland oder in die Bretagne versetzt. Das Wetter an manchen Tagen, die grünen Hügel und die wilde Küste lassen einen das glauben. Die Galicier haben auch keltische Ursprünge. Und suebische, also schwäbisch-germanische.

Dass es hier Hexen geben soll, Bruchas, kann man überall lesen. Es sind Heilerinnen. Aus dem Schwäbischen kenne ich das ja. Man geht mit einem Foto oder einem Heiligenbildchen zum Besprechen. Dort berichtet man von seinem Anliegen, ein Angehöriger ist krank, oder man möchte die Warzen los werden. Kräuter werden angezündet und es folgt ein Spruch. Die Fähigkeit zu heilen wird von Generation zu Generation weiter gegeben. Es kostet nichts, aber man kann was geben. Als ich sehr krank war, ist die Schwiegermutter mehrfach zum Besprechen gegangen. In meiner Generation stirbt es aus, glaube ich zumindest.

Fährt man nun an der galizischen Küste entlang, so trifft man nördlich von Ferrol auch so einen heiligen Platz. Ein Kirchlein eingeklemmt in ein Tal: San Andrés de Teixido. Davor kann man Kräuterbüschel kaufen und am Brunnen trinken Leute.Vor dem Altar stapeln sich Wachsbeinchen und -ärmchen. Dazwischen stecken Passbilder. Es ist ein magischer Ort. Denn als Galicier muss man ein Mal hier gewesen sein, lebendig oder tot. Stirbt man vor einem Besuch, muss man als Tierchen da hin kriechen. Deshalb darf man vor der Kirche weder auf einen Käfer noch auf eine Schnecke treten. Man hat dann eine Seele getötet. Will man einen Verwandten erlösen, fährt man zum Grab, holt sie Seele ab, löst zwei Busfahrkarten, eine für sich, eine für die Seele.
Ein Sprichwort besagt:

„Ao Santo André de Teixido vai de morto, o que no foi de vivo.“

„Nach Santo André muss als Toter pilgern, wer es nicht als Lebender tat.“

Jedenfalls besagt ein Schild, dass zwei Mal am Tag die Kerzen, die Fotos und die Wachsbeinchen abgeräumt und in die Kellerkapelle verfrachtet werden. Dort brennt dann alles weiter und gilt im Himmel auch.

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Um sich ordentlich gegen den bösen Blick, gemeine Leute und sonstige Unbillen zu wappnen, fährt man weiter nach Osten an der Küste entlang. Die Keramikfabrik Sargadelos ist eine galizische Institution für blau angemaltes Essgeschirr und allerlei Dekofiguren. Unter dem Ladentisch lagern die Amulette gegen alles Üble. Wir haben uns auch eingedeckt, man weiß nie.

Woher ich das alles immer so weiß? Irgendwo zusammengelesen. Meist erinnere ich mich nicht mehr daran, woher ich es habe. Die besten Vorschläge kamen aber immer von Tobias Büscher, einem Reisebuchautoren, der auch beim Spanien-Reisemagazin mitarbeitet. Ich empfehle ihn sehr.

Nachtrag: Frau und Herr Kaltmamsell wandern gerade an der galicischen Küste entlang.

Colores vivos

In Galicien ist alles ziemlich ordentlich. Die Häuser sind oft im gleichen Stil verputzt und eingedeckt. So verschmierte Züge, Brücken und Mauern, wie man das so rund im Köln überall findet, gibt es nicht. So bin ich immer auf Suche nach Grafittis. Und nach Buntheit. Der Fisch und die Rennbahn sind aus Santiago, der Schneeman aus Betanzos.

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Pórtico

Die schlimme Nachricht zuerst: der Pórtico de la Gloria ist verpackt.

Man kann die Kathedrale also nicht über den Haupteingang über diese Pforte betreten. Und sie war einer der Gründe, warum ich nochmals nach Santiago wollte. Vor ein paar Jahren war ich zwar dort, aber ziemlich krank. So freute ich mich sehr und war entsprechend enttäuscht. Der Grund für mein Interesse war ein Buch von Manuel Rivas, eines galizischen Schriftstellers, der als einer der ersten über die Zeit Francos, leider auch eines Gallegos, berichtet: Der Bleistift des Zimmermanns
El lapiz der carpintero

Das Buch habe ich mir nun auf Spanisch gekauft. Mal sehen, ob meine Kenntnisse ausreichen. Jedenfalls gibt es das Gefängnis auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes noch. Und es gibt noch andere Portale, die ihren eigenen Charme haben. Den Pórtico de la Gloria kann man übrigens doch sehen. Wenn man nämlich die Dachführung gebucht hat, muss man an den Handwerkern vorbei, die gerade die neuen Teile einsetzen. Gucken darf man, aber fotographieren ist streng verboten. Was sehr sehr schade ist. Jedenfalls habe ich so meinen Pórtico doch noch gesehen, von schräg hinten.

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