Hundert Jahre

Was mein einer Großvater im ersten Weltkrieg gemacht hatte, weiß ich nicht. Der andere, Vater meine Mutter, war in den Gräben von Ypern, Jahr um Jahr. Er hat den Frontverlauf erlebt, wie er sich verschob um ein paar Meter in ein paar Monaten. Er erzählte von der Angst vor dem Gas. Von den Zeiten, als man einfach keine Lust mehr hatte, auf Engländer zu schießen. Und die  hatten auch keine mehr zurückzuschießen. Sie sprangen mit großen und weiten Sprüngen von Graben zu Graben, das hatte ihm imponiert. Er hatte Pferde zuhause und so betreute er hier auch welche. Bis zum bitteren Ende, bis sie alle so hungrig waren, dass sie sie aufaßen. Süß schmeckten sie, sagte er, sehr süß. Irgendwie gelangte er ins Elsaß, auf den Hartmannweiler Kopf. Ein Geschoss zerfetzte seinen Arm. Man brachte ihn ins Lazarett. Da lagen die anderen, Reihe um Reihe, vor einem großen Zelt. Diese gellenden mörderischen Schreie, die aus dieser Richtung kamen, konnte er Zeit seines Lebens nicht vergessen. Langsam begriff er, dass dort amputiert wurde. Man wollte ihm den Arm abnehmen. Er wehrte sich, brüllte, tobte, man solle ihm den Arm lassen. Ihn nur zusammennähen, das würde schon zusammenwachsen. Er wolle nicht am jüngsten Tag durchs Elsaß wandern und seinen Arm suchen. Das überzeugte den Chirurgen und er flickte ihn zusammen. Und genau so kam es auch. Der Arm blieb steif, aber er war da. 

Die Lebensfreude blieb ihm erhalten, er tanzte auf jedem Ball mit seinen Töchtern Walzer. Er hatte sechs davon. Und fasste nie wieder eine Waffe an. Als er starb, standen seine Kameraden von Kriegsversehrtenverband mit großen Fahnen am seinem Grab wähend ein Trompeter blies.

Hundert Jahre ist das her, dass dieser Krieg zu Ende ist.