Corona vierzehn

Jeden Morgen schaue ich mir die Seite der Johns Hopkins Universität an und vergleiche den Anstieg der einzelnen Länder. Heute habe ich einen Schreck bekommen. Bei uns sah es so aus, als ob der tägliche Anstieg der Infektionen gleich bleibt. Jetzt aber schnellt der Wert für Deutschland hoch. Was war vor ungefähr zwei Wochen? Genau. Das Wochenende an dem alle Menschen durcheinander liefen, an dem das Dorf voll war wie nie. Haben Sie sich alle da angesteckt? Es spricht schon einiges dafür.
Woran ich zur Zeit oft denken muss, ist das Kleine–Welt– Phänomen. Vielleicht kennen Sie es ja. Es beruht auf einem Versuch des Psychologen Milgram aus den siebziger Jahren. Er wollte herausfinden, über wie viele Knoten Menschen miteinander verbunden sind. Er verteilte Materialien an zufällig ausgesuchte Personen, die diese an eine bestimmte Person weitergeben sollten. Es sollte aber nur eine Übergabe von Mensch zu Mensch erfolgen. Man musste sich also eine Person aussuchen, deren Reichweite groß genug war, unter Umständen dieser einen Person näher zu kommen. Ein paar Pakete kamen an. Daraus wuchs eine Theorie, die man wahlweise Fünf-Knoten-oder Sechs-Knoten-Theorie nannte. Das bedeutet, dass man mit jedem Menschen auf der Welt über fünf beziehungsweise sechs andere Menschen in Kontakt treten kann. Im Studium machen wir uns einen Spaß daraus, genau zu erklären, wie wir nun irgendeine Person auf der Welt  über unseren eigenen Bekanntenkreis erreichen. Also die Aufgabe war zum Beispiel: wie erreichst Du den Papst? Für mich wäre das recht leicht gewesen. Ich hatte einen Onkel, der Pfarrer war. Und der immer wieder wegen bestimmter Dinge Kontakt mit Rom aufnehmen musste. Den hätte ich gebeten, er hätte einen gefunden, der den Papst erreicht und so wäre das Paket beim Papst gelandet. Diese Studie hat die viele systematische Fehler. Ein Fehler zum Beispiel war, dass man sich immer nur innerhalb der weißen Rasse bewegte. Später haben sich Mathematiker über dieses Problem her gemacht und es wurde richtig kompliziert:
Das Kleine-Welt-Phänomen
Zur Zeit muss ich öfter an diesen Studentenulk denken. Die Verbreitung von Corona über die Welt zeigt genau das, nämlich dass die Menschen sehr viel enger miteinander verbunden sind als sie sich das dachten. Folgt man den Viren, erhält man die Bekanntschaften.
Heute las ich öfter, dass das Virus nur Reiche und Berühmte befällt. So haben Prinz Charles, Prinz Albert von Monaco und Boris Johnson Corona bekommen. Für mich zeigt das, dass berühmte Menschen eben mehr Kontakte haben als weniger berühmte. Das Virus erkennt den Geldbeutel nicht.

Über die Kaltmamsell bin ich auf einen Videokanal gestoßen, der die berühmten Menschen dieser Welt in ihrem Zuhause zeigt. Und damit möchte ich heute abschließen: schauen Sie, wie Lenny Kravitz in seinem Landhaus in Brasilien lebt. Es gibt zwar Leute, die für ihn kochen, aber niemanden, der ihm die Klamotten stopft.

Corona neun

Kurz hatten wir den 4. Platz erobert durch Überholung des Irans. Doch die USA ist an uns vorbei gezogen seit gestern. Wenn es nur nicht so furchtbar wäre…

In anderen Ländern leiden die Menschen auch unter dem Eingesperrtsein. Wer ein bißchen über den Alltag in Frankreich lesen mag:
Christine berichtet aus Cannes / und Wolfram aus der Bretagne. Vielleicht lebt er auch anderswo.
Ich stelle ihn mir immer als Landpfarrer zwischen Menhiren vor.

Bei Frau Kaltmamsell habe ich gelesen, wie sie das nennt, wenn keiner das böse Wort aussprechen mag: Voldemorting.
Es fiel mir gestern schon auf. Die Anzahl der samstäglichen Todesanzeigen hat sich fast verdoppelt. Beerdigungen dürfen ja seit Corona nicht mehr als 10 Personen teilnehmen. Eine kleine Auswahl des gestrigen Voldemorting.

Hier geht andauernd das Telefon. Nicht für mich, alles für die Systemrelevanz. Es gibt Suppe, die wärmt und macht wohlig im Bauch.

Der Spaziergang bleibt kurz. Zwar scheint die Sonne und gaukelt Frühling vor. Doch der Wind ist scharf und schneidend. Dazu bin ich noch gestolpert und hab jetzt ein dickes Knie.

Eine wunderbare Idee ist die Videokonferenz mit der Reisegruppe, die sich leider coronabedingt (ich benutze das Wort!) nicht treffen kann nächste Woche. Schön, alle wieder zu sehen. Bild und Ton ruckeln sehr bei mir. Vermutlich sind alle Dorfkinder bei Netflix.

Jetzt muss ich noch die Unterlagen für morgen durcharbeiten. Bei Prüfungen bin ich trotz vieler Übung immer sehr nervös, obwohl ich nicht so wirke. Ohne Protokollanten wäre ich aufgeschmissen.

Mittlerweile hat die Telefonkonferenz von Bund und Ländern feste, strengere Regelungen ergeben.
„Der Weg zur Arbeit, Hilfe für andere oder individueller Sport und Bewegung an der frischen Luft sollen der Vereinbarung zufolge aber weiterhin möglich sein. Ausnahmen gelten demnach zudem für zwingend notwendige Zusammenkünfte aus geschäftlichen, beruflichen und dienstlichen sowie aus prüfungs- und betreuungsrelevanten Gründen.“

Ich bin zufrieden, das lässt sich aushalten.
Es wird halt kontrolliert werden müssen. Die Polizisten in Ausbildung in der Fachhochschulen werden auf die Reviere verteilt, ihre Ausbildung wird abgebrochen. Die Ärzte aus der Forschung werden in die Universitätskrankenhäuser abgeordnet und pensionierte Ärzte und Apotheker unterstützen die vorhandenen Fachkräfte. Jeder tut was er kann!
Habe mich als Springer für Notfälle bereit erklärt. Mit Mundschutz wird es gehen.

So, mal sehen, was der Tag morgen bringt.
Die Zwiebeln haben gerade eine schiefe  Phase, und versuchen das Umkippen durch schräges einseitiges Wachstum auszugleichen. Wäre ich professionell vorgegangen, hätte ich Tuschemarkierungen angebracht. Dann könnte man sehen, dass eine Seite stärker wächst als die andere, um genau der Schwerkraft entgegen zu wirken. Schiefe Zwiebel egal, aber die Blüte sollte stramm nach oben stehen. Auch die Botanik hat ihre Prinzipien.B832B17D-30E6-4D40-92B6-D69537FEB45F

 

 

 

Corona zwo

Was für ein weiterer seltsamer Tag. Ein Tag der Geschichten, eigentümlich flirrend und voll ungewöhnlicher Nähe.
Zwei Dinge waren geplant, ein Kaffeeklatsch per Video und die Fertigstellung der Prüfungsaufgaben. Es kam dann alles ganz anders.
Nach dem Aufstehen gab es Frühstück und Schreibtisch. So weit, so normal. Dann aber ein Anruf von Freunden. Wir hören nur alle halbe Jahre voneinander. Ja, wir leben noch. Wie geht es Euch? Geschichten von Corona in South Dakota. Flüge, die es nicht mehr gibt. Von Brüdern, die sich jetzt nicht treffen können. Die Schulen sind auch in Amerika zu und dann die Schwester mit der schweren Diabetes. Es folgt eine Geschichte, die so gut ist, ich sie aber nicht erzählen kann weil ein ziemlich prominenter Mensch drin vorkommt. Beim Kaffeeklatsch will ich sie loswerden.
Dann meldet sich eine Freundin. Ihr und den Kindern fällt die Decke auf den Kopf in der Stadt. Gut, wir gehen spazieren am Nachmittag. Das tun wir dann auch, eine Runde ums Dorf.
Überall sind Menschen draußen, Kinder spielen in großen Gruppen, Dorfbewohner, die wir sonst nur grüßen, kommen her und reden. Jeder erzählt, sehr nah, sehr freundlich, und immer mit etwas Wehmut. Endzeitstimmung. Die Sonne scheint, und allen ist ein bißchen so, als ob das vielleicht der letzte Tag ist, das letzte Mal, dass man sich sieht. Die Freundin ist auch so, ganz intensiv, ganz tief. Sie ist vom Fach, Panik ist ihr fremd. Und doch.
Und überall ist es grün, die Knospen platzen, Leben überall.
Und wir unterhalten uns über Symptome, und wie es ist, an Lungenentzündung streben. Wie ertrinken, ersticken.
Die Kinder hüpfen und spielen, rühren mit Stöcken in der Quelle.
Sie wissen auch, warum die Schule ausfällt. Corona. Was es ist, wissen sie nicht. Irgendwas mit krank.
Der Spielplatz ist voll wie nie. Es reicht auf dem Bolzplatz nicht nur für zwei Mannschaften sondern auch für Zuschauer.
Alle sind sehr freundlich zueinander, alle lächeln. Mir kommt es vor wie die Wochen vor einem Krieg.
Das kann doch gar nicht sein, so schlimm kann es doch nicht werden. Dann denken wir an die Bilder Italien, Spanien, Frankreich. Doch, es kommt näher, genießen wir die Zeit.
Erst als die Sonne untergeht, gehen alle der Reihe nach nach Hause. Für den Kaffeeklatsch per Video ist es zu spät, schade.
Dann meldet sich eine andere Freundin, von der wir auch nur alle halbe Jahre hören. Facetime. Eine Zeit, in der man sich sehen muss. Wieder Geschichten von Bussen aus Ischgl, die viele Infizierte ausspuckten. Und dann suchte man und setzte unter Quarantäne. Angestellte, der die Wohnung nicht verlassen dürfen.
Die Geschichten ähneln sich. Kinder besuchen die Eltern noch. In den nächste Wochen geht es vielleicht nicht mehr.
Dann klingelt noch kurz eine Freundin, sie war in der Nachbarschaft unterwegs.
Ihr ist alles sehr seltsam. Ihren Flug nach Italien wird sie nicht antreten können.
Auch dann das Telefonat mit der Mutter. Risikogruppe und sehr alt. Vergnügt ist sie, sie verspricht, keinen Besuch zu empfangen, darauf zu achten, sich die Hände zu waschen, zu schauen, dass sie den Diakonieschwestern die Hand nicht gibt. Ihre andere Tochter ist in Quarantäne, sie hatte Kontakt mit einer infizierten Person. So sehr kümmert es die Mutter aber nicht, sie denkt an sich. Und sagt, sie hätte schon anderes überstanden. Ja, so ist das wohl.
Tage wie Glas.