Rothaut

Seit zwei Tagen sehe ich aus wie ein Basketball, im Gesicht. Die Lippen sind joliemäßig gewölbt, was ja nicht so schlecht ist. Alles glüht! Da ist sie wieder, die Allergie. Ich pass ja schon auf mit allem. Keine Zusatzstoffe im Essen, keinen Sellerie, keine neue Kosmetik, keine Pröbchen, immer das selbe Waschmittel, keine Hunde, keine Katzen, keine Pferde. Und nun war es das Hautöl, das ich seit Jahren verwende. Für den Körper. Und Freitag überlegte ich nur kurz, ob es auch im Gesicht geht? Nein, geht es nicht. Ich weiß es nun. Ach man. Ich jammere jetzt einfach eine Runde. Alles vom Gesicht abwaschen half nicht, die üblichen Antihistaminika, keine Chance. Jetzt bin ich am Tiefpunkt angelangt: Cortison. Hab ja einen Vorrat aus noch schlechteren Zeiten. Jetzt kann ich wenigstens aus den Augen gucken. Und muss nicht als Basketball in die Schule.
Ach Leute, Mandelöl, einfaches Mandelöl.

Unerzähltes

In einer fremden Sprache zu schreiben, so dass es nur Menschen lesen können, die mich nicht kennen, die ich nicht kenne. Dann könnte ich berichten von den letzten Wochen, und ich könnte vielleicht Geheimnisse andeuten. Traurigkeiten, Schmerzen und Leid, dafür ist kein Platz hier. Ich mag die Menschen um mich rum schützen, doch ihre Geschichten beschäftigen mich sehr. Ich bekomme sie geschenkt und kann sie nicht weiterreichen. Nahestehende, Freunde, die Kinder, all sie zeigen, wie bunt und tief und schrecklich das Leben sein kann. Und wie originell.
Ich könnte erzählen, dass ein Fluch gewirkt hat, dass Liebe unverhofft kommt und auch so unverhofft wieder geht. Dass es Zufälle geben kann, die es eigentlich nicht gibt. Dass nichts unausweichlich, dass Hoffnung immer nötig ist. Und dass es Glück gibt. Glitzerndes geheimnisvolles Glück.
Es sind aber die Geschichten der Menschen um mich rum, nicht meine. So bleiben sie dort.
Und das mit den Bienen erzähle ich vielleicht doch noch, irgendwann.

Eine kleine große Liebe

Als Engel mochte ich ihn am liebsten. Seine sanfte Stimme, sein Lächeln.
Und in Tulpen und Brot. Ein herzerwärmender Mann, ein großer Künstler.
Drei Mal habe ich ihn gesehen.
Bei ersten Mal war eine Uraufführung einer Oper, die nur aus Geräuschen bestand. Geräusche, die Handwerker machen, wenn sie Eisenringe um ein Fass hämmern, wenn sie Zement mischen, wenn sie mauern. Er las dazu, ungerüht, die Namen aller Werkzeuge aus der Enzyklopedia britannica. Die Handwerker stammten alle aus dem selben italienischen Dorf. Und sie saßen danach im selben Innenhof in Salzburg, fröhlich und müde. Er kam nicht. Das war 1999.
Im Frühjahr 2010 sah ich ihn wieder. Ein kleiner schmaler Mann stand neben mir in einem Museum in Wien und wir schauten uns lange das selbe Gemälde an: die Malkunst von Jan Vermeer. Hitler hatte es gekauft und es hing einmal auf dem Berghof. Und er hatte Hitler gespielt. Auf der anderen Seite von ihm stand ein Freund, dem als Kind Hitler begegnet war.
Eine unglaubliche Konstellation. Sie wussten nichts voneinander und es war doch für kurze Zeit Weltgeschichte im Kleinen. Ich hätte gerne den Mut gehabt ihn anzusprechen.
Und das dritte Mal war in einem Theater in Bonn. Er las aus David Forster Wallace. Das war im Januar 2011. Er kam zu spät, es ging ihm nicht gut an dem Tag. Er las gut, aber ein Funke sprang nicht über. Er war noch kleiner geworden, verschwand fast.
Und nun gibt es ihn nicht mehr.
Bruno Ganz.