Corona zwo

Was für ein weiterer seltsamer Tag. Ein Tag der Geschichten, eigentümlich flirrend und voll ungewöhnlicher Nähe.
Zwei Dinge waren geplant, ein Kaffeeklatsch per Video und die Fertigstellung der Prüfungsaufgaben. Es kam dann alles ganz anders.
Nach dem Aufstehen gab es Frühstück und Schreibtisch. So weit, so normal. Dann aber ein Anruf von Freunden. Wir hören nur alle halbe Jahre voneinander. Ja, wir leben noch. Wie geht es Euch? Geschichten von Corona in South Dakota. Flüge, die es nicht mehr gibt. Von Brüdern, die sich jetzt nicht treffen können. Die Schulen sind auch in Amerika zu und dann die Schwester mit der schweren Diabetes. Es folgt eine Geschichte, die so gut ist, ich sie aber nicht erzählen kann weil ein ziemlich prominenter Mensch drin vorkommt. Beim Kaffeeklatsch will ich sie loswerden.
Dann meldet sich eine Freundin. Ihr und den Kindern fällt die Decke auf den Kopf in der Stadt. Gut, wir gehen spazieren am Nachmittag. Das tun wir dann auch, eine Runde ums Dorf.
Überall sind Menschen draußen, Kinder spielen in großen Gruppen, Dorfbewohner, die wir sonst nur grüßen, kommen her und reden. Jeder erzählt, sehr nah, sehr freundlich, und immer mit etwas Wehmut. Endzeitstimmung. Die Sonne scheint, und allen ist ein bißchen so, als ob das vielleicht der letzte Tag ist, das letzte Mal, dass man sich sieht. Die Freundin ist auch so, ganz intensiv, ganz tief. Sie ist vom Fach, Panik ist ihr fremd. Und doch.
Und überall ist es grün, die Knospen platzen, Leben überall.
Und wir unterhalten uns über Symptome, und wie es ist, an Lungenentzündung streben. Wie ertrinken, ersticken.
Die Kinder hüpfen und spielen, rühren mit Stöcken in der Quelle.
Sie wissen auch, warum die Schule ausfällt. Corona. Was es ist, wissen sie nicht. Irgendwas mit krank.
Der Spielplatz ist voll wie nie. Es reicht auf dem Bolzplatz nicht nur für zwei Mannschaften sondern auch für Zuschauer.
Alle sind sehr freundlich zueinander, alle lächeln. Mir kommt es vor wie die Wochen vor einem Krieg.
Das kann doch gar nicht sein, so schlimm kann es doch nicht werden. Dann denken wir an die Bilder Italien, Spanien, Frankreich. Doch, es kommt näher, genießen wir die Zeit.
Erst als die Sonne untergeht, gehen alle der Reihe nach nach Hause. Für den Kaffeeklatsch per Video ist es zu spät, schade.
Dann meldet sich eine andere Freundin, von der wir auch nur alle halbe Jahre hören. Facetime. Eine Zeit, in der man sich sehen muss. Wieder Geschichten von Bussen aus Ischgl, die viele Infizierte ausspuckten. Und dann suchte man und setzte unter Quarantäne. Angestellte, der die Wohnung nicht verlassen dürfen.
Die Geschichten ähneln sich. Kinder besuchen die Eltern noch. In den nächste Wochen geht es vielleicht nicht mehr.
Dann klingelt noch kurz eine Freundin, sie war in der Nachbarschaft unterwegs.
Ihr ist alles sehr seltsam. Ihren Flug nach Italien wird sie nicht antreten können.
Auch dann das Telefonat mit der Mutter. Risikogruppe und sehr alt. Vergnügt ist sie, sie verspricht, keinen Besuch zu empfangen, darauf zu achten, sich die Hände zu waschen, zu schauen, dass sie den Diakonieschwestern die Hand nicht gibt. Ihre andere Tochter ist in Quarantäne, sie hatte Kontakt mit einer infizierten Person. So sehr kümmert es die Mutter aber nicht, sie denkt an sich. Und sagt, sie hätte schon anderes überstanden. Ja, so ist das wohl.
Tage wie Glas.

5 Gedanken zu “Corona zwo

  1. Tage wie Glas. Ein sehr treffender Vergleich! Ähnliches habe ich gestern auf dem Weg von der Arbeit nach Hause gesehen (ich arbeite jetzt nur noch an den Wochenenden, ohne Kontakt zu Patienten, da mein Mann vom Alter und seiner Nicht-Gesundheit zur Risikogruppe gehört, ich nur vom Alter). Selten habe ich an einem Sonntag so viele Menschen auf den Straßen gesehen. Vor dem Eiscafé standen und saßen sie dicht an dicht und ich dachte mir, wie leichtsinnig sie doch sind. Aber ich konnte sie auch verstehen, du hast das wunderbar in Worte gefasst.
    Sonnige Grüße aus Berlin schickt Elvira

  2. Alle holen sich noch ein bißchen Nähe.
    ???
    So wird das wohl eher nichts mit der Unterbrechung der Ausbreitung. Und daran ist dann wer Schuld?

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