Corona acht

Kurz nach dem Aufwachen ist alles gut. Bis ich begreife, dass ich nur vergessen habe, dass wir in einem Alptraum leben. Gestern Abend haben wir den Wein an der Haustür des Händlers gekauft und auf dem Hof verladen. Ein Geburtstagsgeschenk wurde mit ausgestrecktem Arm an der Haustür überreicht. Distanzgratulation. Keine Gäste da. Im REWE waren alle Regale voll, bis auf das Klopapierregal gähnte nichts. Dann fahre ich heute das bestellte Fleisch auf dem Hof abzuholen. Über zwanzig Kilometer zauberhafte Landschaft und scheinbar verlassene Dörfer. Where the cows have all names. Und so ein Rind mit Namen ruht nun teilweise zumindest im Gefrierschrank. Gestern hatte ich Geschirrspülmittel für die Maschine  vergessen, ausgerechnet. Also auf dem Rückweg wieder zu REWE.  Über Nacht hat der Boden im Geschäft Abstandsstreifen bekommen und die Eingänge Security.  Drei junge Männer mit zweifelhaftem Aussehen bewachen Eingänge und die Warteschlange. Und das bei unserer meist sanftmütigen Landbevölkerung. Den Leuchtbojen ist es auch sichtlich unangenehm, wenn kleine alte Damen sie verwirrt betrachten. Die ersten Mundschutze grüßen mich. Ich grüsse zurück, weiß aber nicht wen. Habe mich mit Lindtschokolade eingedeckt, damit ich was habe, was ich mit ausgestrecktem Arm an Haustüren überreichen kann. Wenn ich bis dahin überhaupt das Haus verlassen darf. Der Mann hat ja einen Passierschein, ist aber sicher nicht aufgelegt, Schokolade an Haustüren zu überreichen.

In der Stadt ist Polizei unterwegs. Das sind sie ja samstags meist, aber in der Nacht, um die zugedröhnten Jugendlichen und Schützenvereinsmitglieder aus dem Verkehr zu ziehen. Und ich ertappe mich dabei, zu überlegen, welche Alkoholikerpfade ich ab jetzt durch den Wald nehmen muss, damit ich nicht in  eine Sperre komme. Vor zwanzig Jahren waren wir im Baskenland in eine Anschlagswelle der ETA geraten. Da gab es auf dem letzten Feldweg noch Polizeisperren und Kontrollen.Mittlerweile ist laut Zeitung die S-Bahn nach Köln ist eingestellt. Die Freiheitsgrade erniedrigen sich.

Da das Leben weiter gehen muss, koche ich paar Kilo Knochen zu Suppe ein. Es hilft ja nichts, dieses Trübsalblasen. Ein Spaziergang im Dorf zeigt den abgesperrten, menschenleeren Spielplatz. Überhaupt menschenleer. Das lebhafte Dorf vom letzten Wochenende ist wieder so leblos wie immer. Es ist übrigens mein letzter Spaziergang mit Handy. Diese Bewegungsmuster, die jetzt Litauen und Israel erstellen, beunruhigen mich doch.

Was mir so an diesen Tagen durch den Kopf geht, ist die Liedzeile  „Trotz alledem “ von Ferdinand Freiligrath. Ich hab schon mal im schon mal Blog über dieses Lied geschrieben.

 

Das hier ist der Originaltext.

Ob Armut euer Los auch sei,
Hebt hoch die Stirn, trotz alledem!
Geht kühn den feigen Knecht vorbei;
Wagt’s, arm zu sein trotz alledem!
Trotz alledem und alledem,
Trotz niederm Plack und alledem,
Der Rang ist das Gepräge nur,
Der Mann das Gold trotz alledem!

Das war ’ne heiße Märzenzeit,
Trotz Regen, Schnee und alledem!
Nun aber, da es Blüten schneit,
nun ist es kalt, trotz alledem!
Trotz alledem und alledem –
trotz Wien, Berlin und alledem –
ein schnöder scharfer Winterwind
durchfröstelt uns trotz alledem!

Corona sieben

Alle stehen bereit. Eine Fieberambulanz ist eingerichtet. Die Geschäfte, die noch auf haben, schützen ihre Angestellten soweit es eben geht. Der Glashändler bringt Spuckschutz um Spuckschutz an. Ja, so heißen die Glaswände. Die Stehplätze für Kunden werden mit gelben Kreuzen markiert. Die Beschaffung der Materialien ist vermutlich einer der Gründe, warum die Baumärkte noch geöffnet haben. Der andere ist vermutlich der Ausfall der Fussballspiele. Die Männer müssen beschäftigt werden am Wochenende.
Gottesdienste gibt es keine mehr, weder bei den traditionellen Kirchen noch bei den Freikirchen. Das wird schwer werden, da bei letzteren dort ganze Wochenenden mit Beten und Basteln verbracht werden.
Die Pfarrer haben genaue Anweisungen für Beerdigungen.
Es dürfen nur bis zu 10 Trauergäste anwesend sein. Und alles muss an der frischen Luft stattfinden, keine Andacht, kein Gottesdienst in Gebäuden. Und die Trauergemeinde muss weit auseinander stehen.
Keine Hausbesuche mehr, nichts. Die Kirchen werden abgeschlossen.

Es ist schwer ohne Menschen. Normalerweise bin ich froh, wenn ich nach Hause komme, wenn einfach nur Ruhe ist, und Schweigen. Jetzt merke ich, dass sie mir fehlen, die kleinen Krakeelerchen auf dem Hof, die Aufreger meiner Kollegen im Lehrerzimmer und all die beiläufigen Anlächler auf dem Weg über die Flure.
Das ist die Erkenntnis des Tages. Ich bin nicht zum Einsiedler geeignet. Bisher hatte ich mir das eingebildet, dass es nicht Schöneres gäbe als eine Blockhütte an einem See in Canada, ein Kanu davor und auf der Terrasse einen Schaukelstuhl mit Seeblick. Baaaah, ich würde jeden Tag zum Store paddeln und Gummibärchen kaufen. Oder mit Nachbarstrapperinnen Muckefuck mit Ahornsirup trinken.

Erstaunlich ist, was sich im Schatten dieser Krise alles tut.
Die Reichsbürger werden verboten, es gibt Razzien, die AfD droht zu zerfallen wegen Höckes Äußerungen, der Flügel wird vom Verfassungsschutz überwacht.
Was wären das noch für Aufreger gewesen vor Wochen.
Wobei jetzt genau die Zeit dieser rechten Lümmel wäre. Grenzen zu, Überwachung, Ausnahmezustand, genau ihre Themen. Ihre Träume werden wahr und sie streiten und drohen mit Parteiaustritt.
Die Welt ist aus den Fugen.

Und im rasanten Tempo lernt die Welt, was Viren sind. Wenn das 19. Jahrhundert das der Physik war, das 20. Jahrhundert das der Chemie, ist das 21. ein Jahrhundert, das einen Biologie lehrt. Geschwindigkeit ist nicht nur eine Sache der Fahrzeuge sondern auch des Lebens. Dort gewinnt auch der schnellere, sogar in der Botanik.

Am dem Tag, an dem ich Corona eins geschrieben habe, fand ich in der Garage noch ein paar Blumenzwiebeln, die in der Pflanzorgie im Herbst übersehen wurden. Ein bißchen schaute schon das erste Keimblatt raus. Am ersten Tag bildeten sich Würzelchen und jetzt wachsen alle stramm vor sich hin. Auch die beiden Kümmerlinge haben es sich anders überlegt.

 

 

Corona sechs

Wenn es den European Song Contest noch geben würde, würden wir uns über den 5. Platz freuen. Jetzt haben wir ihn: in der Coronaskala der Infizierten. Sogar weltweit. Mamatschi, diese Pferdchen wollt ich nicht.
Die Aufgaben für meine Schüler werden interessanter. Es werden mehr Medien, witzigere Sachen. Einer muss sie ja aufmuntern.
Der Rücken schmerzt, die Physiofrau tut was sie kann. Das Homeboxing ist lange nicht so effektiv wie die Seilzügen im Studio. Ich verneige mich vor Frau Kaltmamsell, die ihr Programm jeden Tag durchzieht.
Aus dem Auto sehe ich, dass die Menschen im Café den Zweimeterabstand einhalten. Und ziemlich gedrückt durch die Strassen laufen. In der Stadt ist noch kein Fall bekannt, sagt man. Quarantänefälle schon. Die Geschäfte sind zu, es sieht so sehr nach Sonntag aus. Heute habe ich zwei Angebote bekommen für mich einzukaufen. Ich werde annehmen.
Auf dem Nachhauseweg will ich zu Freunden abbiegen, lasse es aber. Ich sage Spaziergänge ab. Ich igle mich ein. Und was denke ich? Ich will nicht sterben. Also höchst dramatisch. Es sind halt die Erfahrungen der letzten Jahre, die nun wieder hochkommen.
Ich messe mittlerweile jeden Morgen Fieber. Nicht dass die Rückenschmerzen Anzeichen sind für das Virus sind. Es kostet viel Kraft normal zu bleiben.
Was anderes: Die Natur macht wie gedopt. Die japanische Pflaume ploppt auf, die Narzissen überfluten die Verkehrsinseln und die Hyazinthen riechen betörend.
Ach ja, die Rede der Kanzlerin. Sie war sehr klar gestern, sehr ehrlich, sehr berührend. Es ist ernst. Und ich glaube, das sollte man den ganzen Partyspinnern und Ignoranten direkt auf den Hintern tätowieren.
Tschuldigung.