Ganz weit weg und ganz nah dran

Es ist schon ein paar Jahre her, da reisten wir rum zwischen Thailand, Kambodscha und Vietnam. Ein Flugzeug brachte uns nach Siem Reap, der Stadt bei Angkor Wat. Es war warm, tropisch feucht und wir waren froh, ein Hotel mit Klimaanlage zu bekommen. Vor Ort wartete ein Führer auf uns, der uns zu den Ruinen brachte. Er war sehr geschickt mit der Auswahl der Zeiten, so dass wir recht wenig andere Touristen zu sehen bekamen und viel Zeit hatten uns alles anzuschauen. Mit der Zeit erzählte er von sich. Er spracht gut Deutsch, er hatte in Deutschland gelebt. Eigentlich war er Vietnamese, aber in der Irrungen und Wirrungen des Vietnamkriegs waren viele von ihnen nach Kambodscha gekommen. Er war Soldat damals und kämpfte gegen die Amerikaner. Zur Ausbildung kam er dann in die DDR. Sie lebten dort abgeschottet in Heimen und wurden dann zu den Betrieben gebracht. Ich fragte ihn nach der Narbe im Gesicht, groß und schlecht verheilt. Kommt sie aus dem Vietnamkrieg? Ja, das schon, aber so schlimm sei es nicht gewesen. Man hätte immer eine Möglichkeit gehabt zu überleben. Das schlimmste Erlebnis hätte er nicht im Krieg gehabt, sondern in der DDR kurz nach der Wende.Wir saßen etwas abseits mit ihm und so zählte er weiter. „Was war das?“ habe ich ihn gefragt. Ja, es waren wohl mehrere Vietnamesen am Abend zu einer Wurstbude gegangen um sich zu unterhalten und etwas zu essen. Es kamen junge Dörfler dazu, die von jetzt auf gleich anfingen sie zu beschimpfen und rumzustoßen. Sie versuchten wegzurennen, sie wurden eingefangen, sie entkamen. „Wir wurden gejagt wie die Tiere“, sagte er. Und durch den Ort getrieben. Wenn sie uns erwischen, schlagen sie uns tot, da war er sich sicher. Wie es kam, wusste er nicht mehr. Jedenfalls schafften sie es bis zur Polizeidienststelle. Der Polizist ließ sie rein und verrammelte die Tür. Draußen tobten die anderen weiter. „Das hört jetzt die ganze Nacht nicht mehr auf,“ sagte der Polizist, schloss die Gefängniszelle auf und bot sie ihnen als Übernachtung an. „Da können Sie nicht mehr raus heute Nacht.“ Am nächsten Morgen war alles ruhig und sie konnten wieder in ihre Zimmer zurück. Bald darauf war seine Zeit eh zu Ende, so wie die der DDR. Er kam nach Kambodscha zurück, arbeitete in seinem Handwerksberuf, später in der Verwaltung und mit Touristen. Die Angst aber hat er nie vergessen, die er hatte in diesem kleinen ostdeutschen Dorf.

An dieses Geschichte habe ich gedacht, als ich die Bilder aus Chemnitz gesehen habe.