Weihnachen im Schloss

Wann haben Sie das letzte Mal Christbaumkugeln gefönt? Ich gestern. Anders bekommt man die Wachsflecken nicht weg. Ansonsten gibt es einen Baum Ton in Ton. Gold in Gold. Bienenwachskerzen werden durch rote ergänzt. Ansonsten ist es feierlich. Die Königin ist nicht fit genug für das Stadtkapellenkonzert. Kurz vorher reißt der Himmel auf, es ist tatsächlich trocken. Es gibt Glühwein und schmissige Musik. Von manchem Zuschauer werde ich richtig verwirrt angeschaut. Ist sie fremd? Woher kommt sie? Dass ich vor Jahrzehnten hier ohne Bedauern die gefühlte Enge verlassen habe, sieht man mir nicht mehr an. Schön ist es trotzdem. Ein kurzes Klingeln bei einer Freundin. Das Fenster geht auf, jetzt schaut der Sohn oben raus. Sie kommt gleich runter, ruft er. Umarmen. Weihnachtsfreude.
Das Essen ist ein bißchen improvisiert. Die Königin hatte die Zutaten mittags schon verpulvert. Gesungen wird nach Youtube. Die Stimme der einzig fähigen Sängerin im Raum zittert und die beiden anderen sind so naja. Die Geschenke sind gut ausgesucht und begeistern. Nicht viel, nicht teuer, aber persönlich.

Am nächsten Morgen werde ich durch merkwürdige Geräusche aus der Küche geweckt. Die Königin macht Butterknödel und Eierstich für ein halbes Volk. 18 Eier und zwei Pfund Butter und eine Riesenpackung Weckmehl. Ein Teil davon hängt nun an der Wand und ist über die halbe Küche verteilt. Sie kann den Handmixer nicht mehr halten, gibt sie nun reumütig zu. Ach ja, ich verstehe sie sehr gut. Es ist schwer anzunehmen, dass der Körper schwach ist.
So kann ich Braten, Gemüse, Nudeln und Saucen nicht mehr in Ruhe zubereiten, weil ihre Knödelproduktion parallel läuft. Irgendwie geht es dann, der Besuch kommt und sprengt durch sofortigen Bescherungswunsch meinen ganzen Kochplan. Mit der Folge, dass das nicht mehr so warm ist, da die Knödelproduktion immer noch zwei Herdplatten beansprucht.
Alle sind dann satt und müde, legen sich schlafen oder gehen spazieren. Pappsatt gibt es dann noch Kuchen und Nachtisch. Man schrammt an den Reizthemen vorbei, was eigentlich schade ist, da Dinge schon wieder nicht ausgesprochen werden. Das passiert vielleicht nie. Dann nimmt halt alles seinen Lauf. Dass ich die Welt nicht retten kann, davon gehe ich mittlerweile aus.
Aber wer schafft das schon an Weihnachten.

Abend im Schloss

Es geht weiter. Am gestrigen Abend wurde mir ein bißchen von Rommel erzählt. Ja, dem General, der dann zum Schluss zum Selbstmord gezwungen wurde. Man wusste das wohl damals schon, am Rande der Alb.
„Und, stell Dir vor: Frau P. kennt ‚Gefangen in maurischer Wüste’ nicht.“
„Das kenne ich aber auch nicht“.
Sie singt die erste Strophe.
„Du hast mir nur ‚Alle meine Entchen‘ vorgesungen“.
„Das ist aber auch besser für Kinder geeignet.“
Sie singt die zweite Strophe.
Mittlerweile habe ich youtube gebeten, mir zu helfen. Und, siehe da, Vico Torriani kann alles Stophen.
Sie ist fix und fertig.
„Wo hast Du das Lied her?“
„Aus dem Internet.“
„Woher kennen die das?“
Wir wechseln das Thema und schauen uns Rudolf Prack an, ihre große Liebe. Ein gediegener Schauspieler, mit vollem Haupthaar gesegnet, der ganz dunkel und wichtig spricht.
Irgendwie bin ich froh, dass er nicht mein Vater wurde.
Sie ist selig, trotz allem.
Und wir kaufen ein Kabel, damit sie jetzt auch die Handyaufnahmen vom Vogelhäuschen in groß auf dem Fernseher sehen kann. Und Rudolf Prack natürlich.

Besuch im Schloss

Der heutige Tag beginnt mit einem Wumms. Die Diakonieschwester weiß nicht, dass noch jemand da ist im Haus und haut die Haustür zu. Ein bißchen Schlaf noch. Dann sehen ich, dass die Mutter den Tisch schon gedeckt hat zum Frühstück und nun in der Küche sitzt und wartet. Tischdecken gab es schon lange nicht mehr, ich freu mich. Wir vervollständigen die Tafel und frühstücken. Anschließend gibt es Vogelkino. Wir haben Nachschub für das Häuschen mitgebracht und jetzt steppt der Specht. Tatsächlich kommt ein Buntspecht und pickt vom Meisenring. Die Zeitung von gestern liegt noch im Briefkasten und wird jetzt gelesen.
Dann fange ich mit den Vorbereitungen an für das Mittagessen. Wir haben alles mitgebracht. Mama sieht das Ökohuhn und die Kartoffeln aus dem integrierten Anbau. Nein, jetzt bitte keine Preisdiskussionen. Sie gibt Anweisungen, wie das Huhn zuzubereiten ist. Es läuft aber doch ein bißchen anders. Sie schneidet Zwiebeln und spaltet die Kartoffeln, wie früher. Ich freu mich sehr darüber. Der neue Herd ist prima, aber seine heißen Stellen habe ich noch nicht drauf. Aua.
Dann sitzen wir im Esszimmer und reden ein bißchen. Sie liest mir Todesanzeigen vor. Dann erkundigt sie sich nach der Familie der Schulfreundin, ich hab immer noch Kontakt. Aber die Fragen zu diversen Krankheiten der noch lebenden Familienmitglieder kann ich beim besten Willen nicht beantworten. Beim nächsten Telefonat verbreitet sie das sonst wieder. Wobei die größte Nachrichtenzentrale ever, Frau H., seit letztem Jahr nicht mehr lebt. Sie hatte 6 Kinder, zahllose Enkel und ein Spionagenetz, das seinesgleichen sucht. Die andere, Frau L., habe ich heute morgen am Telefon abgewürgt und ihr gesagt, dass Mama zurück ruft. Mir ist heute nicht nach Skandalen. Das habe ich aber nicht gesagt. Nach Huhn, Rosmarinkartoffeln, Gemüse und Salat gibt es Pudding und Mittagsschlaf. Ich bette sie auf die Couch mit zahlreichen Kissen, so dass der krumme Rücken schmerzfrei liegen kann.

Jetzt habe ich ein bißchen Zeit für mich und das Internet. Einen Link möchte ich noch loswerden Isländisch kochen auf Arte. Spannende Kombinationen, ein Familienleben ab von der Welt und einen Ausflug zur heißen Quelle mitten im Winter.