Nix wie weg

Drei Wochen und zwei Klassenfahrten später, möchte ich zusammenfassen:

  1. Es gibt keinen Luxus. Es ist nicht das Überziehen der Betten oder eben die beengten Verhältnisse. Auch nicht das Essen. Das ist mittlerweile gut. Nein, es ist manchmal so, dass man das winzigste Zimmer bekommt und dann noch eine Dusche auf dem Flur. Mit Toilette. Das Zimmer ist so klein, dass man die ganze Nacht das Fenster auf lassen muss auch nicht zu ersticken.

  2. Es ist eine Frage Nerven. Wenn ich eine Jugendherberge hätte, würde ich die Lehrer bestechen. Ich würde Ihnen Flüssigseife aufs Zimmer stellen, eine Flasche Saft und eine Tüte Gummibärchen. Man kann sie kaufen, diese lehrenden Menschen.
    Wenn aber das Personal sagt, dass sie über Nacht nicht da wäre und man sie auch nur schwerlich erreichen können, weiß man es, dass man ab nun auf sich alleine gestellt ist. Früher gab es wenigstens einen Zivi, der einen Schrei abließ, wenn es laut wurde im Haus. Jetzt kann man zwar seine eigene Volk im Griff haben, aber es gibt immer andere Klassen und andere Lehrer, die alles sehr entspannt sehen. Da gibt es kleine freudige Kinder, die im dritten Stock übers Dach gehen, die Lautsprecherboxen ungeahnte Qualität haben und die durch geöffnete Fenster und Umstiege alle Sortierungsmaßnahmen torpedieren. So sitzt man auf dem Flur bis sich alles geordnent hat. Das kann dauern.

  3. Es trifft immer die selben. Es gibt Kollegen, die nie auf Klassenfahrten gehen. Ihre Begründungen sind meist sehr ausführlich und blumig. Die ganz Doofen lassen sich, wie ich zum Beispiel, einfach breitschlagen. Wenn man Glück hat, ist die ganze Fahrt sauber geplant mit interessanten Punkten. Wenn man Pech hat ist das eben nicht so. Dann wird es aber entspannt und interessant. Und man kann selbst planen. Man muss halt darauf eingestellt sein.

  4. Es ist Strategie. Schön ist es, Klassen- oder Studienfahrten selbst zu organisieren. Am besten ist es, über ein Jahr vorher alles Wichtige schon gebucht zu haben. Und wichtig ist es, nie die Eltern zum Ziel befragen. Nie. Die Kinder wollen wo hin, nicht die Eltern sollen ihre Träume erfüllen. Ich habe schon junge Lehrkräfte gesehen, die einer Phalanx von Bodenseejüngern entgegentraten. Die Klasse wollte doch an die Ostsee.

  5. Es ist eine Frage der Zeit. Man muss rechtzeitig reservieren. In diesem Jahr wurde es richtig teuer, wenn man das noch nicht gemacht hatte. Wenn die Verträge auf die Preise vom letzten Jahr lauteten, hatte man Glück. Jetzt kamen so viele Zuschläge dazu, dass es richtig teuer werden konnte. Da waren alte Verträge Gold wert.

  6. Eltern sind seltsame Wesen. Sie liefern ihre Brut am Morgen der Abfahrt mit Gepäck beim Bus ab, meist grüßen sie nicht mal. Das Abholen läuft ähnlich, das Kind wird in das Auto mit laufendem Motor gepackt, sein Koffer schnell in den Kofferraum geschoben und ab. Man spricht nicht mit dem Lehrer, so als ob er ein fremdes Wesen von einem anderen Stern wäre. Kein Danke, kein „Wir sind froh, dass unsere Tochter gesund zurück ist“ oder „Den Kinder hat‘s gefallen“. Auch kein Konfekt oder Alkoholika. In meiner langen Dienstzeit gab es einmal Primeln und ein Mal Marmelade.

  7. Das Leben zählt. Man macht es trotzdem immer wieder. Und warum? Man sieht, dass Kinder Freude haben miteinander. Dass sie Freude haben an ganz einfachen Dingen, am Lagerfeuer, am laut singen und am sich nassspritzen. Dass sie aber auch offen sind für all das was man ihnen zeigt, dass man ihnen die Augen öffnet, für Dinge, die sie bisher nie wahrgenommen haben. Und dass sie zusammen wachsen als Gruppe. In der Oberstufe ist es anders. Die Studienfahrten sprechen tatsächlich ihren Geist an, manchmal sind es sogar Ideen für Berufswege darunter. Und es sie Begegnungen mit Menschen außerhalb ihres privaten sozialen Gefüges.

  8. Da capo. Und wenn man das alles vergessen hat, fängt es wieder von vorne an, im nächsten Jahr. Ein Kollege fragt, ob man mit ihm an die Ostsee kommt. Oder ins Sauerland. Nein, das ist dann keine Frage der Erotik, man ist die einzige weibliche Lehrkraft in der Klasse ohne kleine Kinder. Und es ist sicher eine abgelegene Jugendherberge mit Nazicharme irgendwo in der Pampa. Und man sagt einfach Ja.

Der vietnamesische Tänzer und Tanzlehrer Ly Nga wurde berühmt mit seiner getanzten Version von Ma Baker. Jetzt macht er sich an Modern Talking ran.
Ma Baker.