Friede den Höfen

Wenn ich bei meiner Mutter bin, gehen wir meinen Vater besuchen. Sein Grab liegt ganz weit oben am Friedhof, so dass er über das ganze Tal schauen kann, also könnte.
Ich habe mir angewöhnt, in immer größer werdenden Schleifen über den Hang zu gehen, von Grab zu Grab. Nicht weit weg liegt meine ehemalige Handarbeitslehrerin Frau E. Wir mochten uns nicht, wir haben uns aneinander abgearbeitet. Ja, es gab Handarbeiten am Gymnasium, früher, als man dachte, das wird eh nix mit den Mädchen und dem Beruf. Nun, Frau E. brachte etwas mit, was dann eins zu eins nachgearbeitet werden sollte. Bettjäckchen zum Beispiel, oder Bettschuhe, in hellgelb. Grauslig aussehende Handtaschen und sackartige Frotteekleider. Nichts davon nähte ich. Nichts davon häkelte ich. Ich nähte mir eine Handtasche aus Knautschlack, mit Fransen. Machte mir modische Sachen, nähen konnte ich ja. Ab und an wurde ich ihr zu viel und ich musste zur Strafe Luftmaschen häkeln, was ich dann mit einer mir eigenen Gründlichkeit tat. So eine lange Häkelschnur hätte sie noch nie bekommen. Und nun liegt sie hier, die Frau aus Pommern, der die schwäbische Sturheit immer ein Rätsel blieb.
Ein bißchen weiter liegt der Oberstufenlehrer in Deutsch und Französisch. Nach einem Wehrmachtsoffizier und einem lupenreinen Nationalsozialisten war er, der Holländer, eine Lichtblick im Deutschunterricht. Sein Horizont war weit, er brachte uns System bei und die Liebe zur Literatur. Die hatte ich schon vorher, hielt sie aber geheim. Jetzt konnte ich über das reden, was ich las. Da ich damals Bingereading betrieb, und mich schon durch die Stadtbücherei geackert hatte, waren wir auf Augenhöhe. Was für ein Spass!
Der Nationalsozialist liegt ein paar Gräber weiter. Er war gefährlich, richtig gefährlich. Wir haben eine Weile gebraucht, bis wir merkten, was er mit uns machte. Über Parzival, Mittelhochdeutsch und Gottfried Benn legte er uns ein Deutschtum vor, das voller Ostgebieten und zu unrecht eroberter Länder war. Die Rasse entschied alles, Konzentrationslager waren ein Gerücht, alles nur Meinungsmache der Besatzer. Wir rebellierten, bis wir ihn los waren. Immer wenn ich Herrn Gauland sehe, denke ich an Herrn G., selbes Profil, selbe Jacke, ein Widergänger.
Und dann kommt das Grab der Eltern des blonden Jungen, den ich so sehr liebte, dass ich dachte, ich müsse sterben als er mit einer Freundin ging. Weiter unter liegt der Vater des schwarzhaarigen Jungen, den ich so liebte, dass ich dachte, ich müsse ebenfalls sterben. Nein, auch er sah mich nicht.
Einer, so alt wie ich, liegt auch da. Herzschlag. Ein anderer Drogen. Meine Kindheitsfreundin starb an Krebs.
Der Grundschullehrer liegt da, den ich so sehr mochte. Er war voller Geduld für mich, für uns alle. Die Schule langweilte mich. Ich fragte ihn in der 3., wann das endlich mit dem Englisch und der Mathematik losginge. Lesen, Schreiben und Rechnen könnte ich doch schon. Ich trug damals Tag für Tag einen Button, den hatte ich aus einer Filzstiftpackung, auf dem NO stand. Mein erstes englisches Wort und meine Grundeinstellung damals.
Meine Mutter ließ ihn irgendwann verschwinden.
Die Eltern einer Schulfreundin liegen ein paar Gräber weiter. Bei den D.s war ich viel. Zwei Familien mit je vier Kindern teilten sich das kleine Flüchtlingshaus in der Siedlung. Es war eng, immer eng, und es gab nie viel. Aber mir gefiel es da.
So wie bei den Müllersleuten, die an der Mauer liegen. Die Freundin musste mithelfen auf dem Hof und der Mühle. Und ich lungerte rum, bewunderte die Wolken, die der Mehlstaub machte und liebte das kalte Wasser des gestauten Mühlbaches. Unter der Heizlampe hüpften die frisch geschlüpften Küken und im Garten blühten die buntesten Blumen, die ich je gesehen hatte. Dafür liebte sie unsere Stadtwohnungen im ersten Stock mit glänzendem Parkett und Mahaghoniemöbeln.
Direkt an der Kapelle, liegt mein Hausarzt. Ein großer Mann war er, geflüchtet aus Ungarn, wie so viele in meiner kleinen Stadt. Wenn ich mit Fieber im Bett lag und seine warme Stimme hörte, wusste ich, dass alles gut wird. Impfungen gab es kaum, man machte Mumps, Masern, Keuchhusten und Windpocken durch. Und immer mit Dr. F.
Fieberdelirien, aufgeplatzte Windpockenblasen, endloser Husten wurden besser, wenn es sagte: Herzelein.
Wenn ich weiter gehe, weiß ich, wer sich umgebracht hat, wer einen Unfall hatte, meine Mutter versorgt mich immer noch mit Geschichten.
Eine Frau spricht mich an. Ob ich denn die da sei. Ja, das bin ich. Wir waren Nachbar, sagt sie. Und ich erinnere mich. Und sie sagt, dass ich aussähe wie meine Mutter. Sie erzählt, wie Mann und Schwager starben. Und fragt dann nach meiner Mutter. Da oben auf dem Parkplatz, da sitzt sie, sag ich. Und dann freuen sich zwei, sich wieder zu sehen, und erzählen und erzählen.
So ist das Leben wieder eingekehrt auf dem Kirchhof.

23 Gedanken zu “Friede den Höfen

  1. Diese Schilderungen gefallen mir sehr. Tse, diese Handarbeitslehrerin, na, sowas, tse.
    Und all die andren Lehrpersönlichkeiten, hervorragend beschrieben im Nachhinein.
    Gruß von Sonja

    • Danke sehr. Ich glaube, trotz der einen und wegen der anderen Lehrpersonen bin ich Lehrerin geworden. Auf dem Friedhof liegen bis auf meinen Vater und früher mein kleiner Bruder keine Verwandten von mir, wir sind ja zugezogen. So hatten nur andere Gräber meinen Fokus.

  2. Danke für diese Geschichte.
    Ich sollte mal das Grab des alten Graßl („AAAHHHrythmisches BINNNNNNsenschwein!“ und Karikaturen in Rot unter den Lateinschulaufgaben, unter anderem) suchen.

    • Freut mich, wenn es Dir gefallen hat.
      Ja, such ihn. Es ist so befreiend. Man kann die alten Geschichten loswerden und bei den ganz Fiesen denken: ich hier, Du da.

  3. Irgendwann ist es so, dass der Großteil der Leute, die man in Kopf und Herzen trägt, bereits tot ist.

    • Das hab ich auch gedacht. Wenn ich durch die Stadt gehe, kenne ich fast niemanden mehr, der Optiker ist tot, die Kassiererin sind mir fremd. Bekannte auf dem Friedhof habe ich dann schon mehr.

    • Danke sehr für das Lob. So Geschichten wohnen lange in mir, bis sie plötzlich ausbrechen.
      Ja, machen kann man nichts, das ist der Strom der Zeit. Und so werden wir auch einmal da liegen und langsam vergessen werden.

    • Danke sehr. Eigentlich könnte ich noch Fortsetzungen schreiben von den Gräbern um die Kirche, von dem schönen reichen Mädchen, das da liegt und vom Bruder umgebracht wurde. Von dem Maler, der mit und wegen seiner jüdischen Frau bis nach Amerika geflohen war. Von dem Fabrikanten, der mit einer Idee und den Fabrikhallen eines geflohenen jüdischen Geschäftsmannes viel Geld verdiente. Und dann viel Gutes tat, nehmen wir mal an, aus schlechtem Gewissen. Bei seiner Beerdigung saß ich auf einem anderen Hügel, sah aus der Ferne zu und hörte die Trompete der Freundin über Tal schallen, die ihm am Grabe spielte.

  4. wie schön das geschrieben ist! Ich kann ja mit Gräbern irgendwie nichts anfangen (wobei ich gerne auf fremde Friedhöfe gehe). Aber hier habe ich verstanden, wozu es gut ist, wenn alle wieder zusammenkommen auf einem Friedhof.
    Meine Lieben liegen eh verteilt auf vielen Friedhöfen und da gehe ich selten hin.
    liebe Grüße Tine

    • Vielen Dank. Mir ging es früher ähnlich. Es änderte sich aber, als mir meine eigene Sterblichkeit klar gemacht wurde. Die Verwandtschaft ist auf zwei anderen Friedhöfen konzentriert. Das tut aber richtig weh, dort spazieren zu gehen. Ob ich darüber schreiben könnte, weiß ich nicht mal.

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