Thor

Der Garten hat beschlossen zuzuwuchern. Die Brombeerranken sind überall, ebenso die Ackerwinden. Um all die Ranken aus den Sträuchern herauszuziehen, braucht‘s den Rechen und eine gute Zwickeschere. Die ersten Äpfel sind bald reif, es wird eine Apfelflut geben in diesem Herbst. Ich muss noch Säcke kaufen, die sind schnell weg, wenn alle sie brauchen.
Die Lust auf Stachelbeeren und Johannisbeeren ist begrenzt, solange sie noch nicht süß genug sind. Da muss man genau den Tag erwischen, sonst sind sie matschig.
Ansonsten wird gebügelt, was das Zeug hält. Warum nur liebe ich Leinen? Jetzt habe ich mir einen Film auf Arte rausgesucht, der bügelbegleitend angeschaut werden sollte. Ging aber nicht, ich hätte mich laufend verbügelt.
Kon-tiki, es gibt ihn noch vier Tage in der Mediathek.
Thor Heyerdahl war neben Jane Goodall und Jean Jaques Cousteau ein Held meiner Kindheit. Biologe, Anthropologe, Abenteurer. Ich sah mich schon auf einem wackeligen Holzfloß quer über einen Ozean paddeln. Der Film hat so spannende Szenen! Ich bin hin und weg. Die Zerlegung des Hais ist allerdings speziell, das kann nicht jeder schauen. Ja, ich habe schon Haie seziert, allerdings nur kleine.
Thor Heyerdahl war der Meinung, dass Polynesien von Südamerika aus besiedelt worden ist. Die Meeresströmungen machen es möglich, seine Exkursion mit dem Balsafloß Kon Tiki zeigte, dass es ging. Die Forschung akzeptierte seine Ergebnisse nicht.
Seit nun genetische Vergleiche möglich sind, wird Thor Heyerdahl so viele Jahre später Recht gegeben.
Hier der neueste Artikel dazu..
Thor Heyerdahl führte ein interessantes Leben.
Das ist der Originalfilm der Expedition, für den es einen Oscar gab.

Kirschenzeit

Zwei Wochen im Ausnahmezustand.
Es ist so vieles zu regeln, anzustoßen, abzublocken, was ich so nicht kenne. Ein Mensch ist zu schwach um über sich selbst zu entscheiden. Und zu müde. Und zu hoffnungslos.
Nach fast drei Monaten ist sie wieder zuhause und nichts ist, wie es war. Nichts kann sie ohne Hilfe, die Kraft fehlt, es ist ihr schwindelig. Und doch kämpft sie, bis sie stehen kann. Der Therapeut ist auch von der Hellseherfraktion: nie mehr wird sie stehen können, nie mehr wird sie gehen können.
Gestern rief er an: er nimmt alles zurück. Sie geht am Rollator quer durchs Schlafzimmer. Unterschätzt mir die Königin nicht. Bei allem behält sie ihre Würde, sagte mir eine Schwester. Ja, ich weiß, antwortete ich.
Ich habe der Königin ein Foto von Queen Elizabeth auf dem Pferd gezeigt, erst kürzlich aufgenommen. Sie hat nun ähnliches vor.

Ich habe mir vorgenommen, nun an mein eigenes Glück zu denken. Da fällt mir als allererstes Kirschkuchen ein. Es hängen noch welche oben, schwarz, prall, zuckersüß. Mit dem Apfelpflücker zupfe ich Kirsche um Kirsche von Ast. Und es gibt ein
wunderbares Rezept für Clafoutis, einem ganz schnellen französischen Kirschkuchen, gefunden bei bei Christine von Aufilsdemots.
Was soll ich sagen?
Ich bin glücklich.


WmDedgT 07/20

Der Tag fängt um zwei Uhr an. Sie hatte in der Knistertüte endlich den Druckknopf der Klingel gefunden. Sie löst einen Westminstererschlag direkt neben meinen Ohr aus. Das muss sie auch, sonst wache ich nicht auf. Also gibt es zusätzliche Schmerztabletten. Um fünf dann einmal Hochhieven mit Drehung auf den Toilettenstuhl. Wie schwer können 45 Kilo Mensch sein! Um acht steht die Diakonie auf der Matte, Waschen und Anziehen mit Verband neu wickeln. Sie wird platziert auf dem Königinnenthron direkt neben dem Bett.
Dann gibt es Frühstück. Etwas Kritik wird an der Kümmelseele mit Marmelade geübt, dann wird aber tapfer gegessen. Ich verpasse ihr ein Papstbuch und eine Decke. Sie macht Vorschläge für das Mittagessen. Es wird schwierig, da Kühlschrank und Gefrierschrank nach fast drei Monaten Abesenheit fast nichts bieten. Als ich später nachschaue, liegt der Papst auf dem Boden und sie schnarcht ganz unköniglich vor sich hin.
Es gibt geschmorte Beinscheibe, Nudeln und Erbsen aus der Dose versetzt mit Möhrchen aus der Gefriere.
Dazu wir sie nun über zwei halbe Stockwerke nach unten verfrachtet. Die Beine knicken weg, eine Höllentour. Aber nun, das Essen wird gegessen. Es schmeckt so mittel. Alle Gewürze hatte ich im Februar entsorgt wegen Ablaufdatum, und so gibt es nur Salz und Pfeffer mit Rotwein und Päckchensahne in der Sauce.
Dann bette ich sie auf die Couch, polstere die wehen Stellen mit Kissen aus. Sie schläft sofort ein. Ich würde gerne auch tief schlafen, habe aber immer ein Ohr offen, ob alles auch gut ist. Dann gibt es Butterkekse und Tee auf der Terrasse. Aus den Fugen spießt das, was als Vogelfutter im Winter gedacht war. Sie fischt sich noch die Schüssel Müsli und Obst vom Tisch, den sie zum Frühstück nicht gepackt hatte. Es ist schwer für sie, sie kann nur einen Arm gebrauchen, ein Teil landet auf der schicken Hose.
Bitte ausputzen, sagt sie.
Dann kommt schon die Diakonie und gemeinsam wird dieses Wesen, das nicht mehr gehen und stehen kann in den oberen Stock transportiert, ausgezogen und gebettet. Der Pfleger ist von der Hellseherfraktion, er weiß genau wie alles ausgeht. Mal sehn, er kennt die Zähigkeit von Königinnen nicht.
Das Abendessen gibt es halb im Liegen, sie ist müde, kann kaum noch. Doch kein Ausflug zu Thron heute. Ich esse dann noch ihre Reste auf und bestelle einen Krankentransport für morgen zum Arzt. Wir bekommen sie unmöglich in meine Sportskarre.
Jetzt sind die Unterlagen dran. Krankenkasse, Rechnungen, Anträge, Rund-um-die-Uhr-Pflege. Die Sprache dieser Formulare löst bei mir mittlerweile Brechreiz aus. Ich wecke sie nochmals: Schmerztabletten für die Nacht. Ich sortiere dann den Rest des Krankenhauszeugs und wasche noch eine Ladung Wäsche.
Dann schreibe ich den Tagesbericht für die Brüllensche Edition: WmDedgT. Was machst Du eigentlich den ganzen Tag? Das möchte Frau Brüllen ein Mal im Monat, nämlich am 5., ganz genau wissen.