Corona 537

Ohne Worte:

Der ehemalige General Petraeus gibt ein Interview und rückt einiges zurecht zur Lage in Afghanistan:
Schauen Sie, ich habe immer gesagt, man kann die Herzen und Köpfe der Menschen nicht gewinnen, wenn man Menschen weh tut

Heute wird gerade darüber diskutiert, eventuell doch den Kanzlerkandidaten auszuwechseln. Leute, lass doch die Parteien so wie sie sind. Der Kandidat ist jeweils der, der von den Parteimitgliedern bestimmt ist. Kanzler oder Kanzlerin wählen immer noch wir. Beziehungsweise wir wählen die Partei, die Kanzler oder Kanzlerin bereitstellt. Frau Friederike aus dem Landlebenblog macht sich gute Gedanken über das Wählen, nachdem sie sich verlaufen hat. Sie klärt auf darüber, wer rummaulen darf und wer nicht.

Herr Rau hat nach unserer Schullektüre gefragt. Das alles ist mir eingefallen, ist unheimlich viel, ich weiß. Baden-Württemberg war traditionell immer sehr klassiklastig, was in vielen Teilen eine Überforderung der kleinen strubbeligen Köpfe war.
Wir haben bis auf Faust II alles im Unterricht gelesen, laut und mit verteilten Rollen. Ich habe die Maria Stuart übernommen, das Gretchen und einen der Bauern auf der Rütliwiese.
Drama lag mir.
Witzig war, dass ich in den Kisten zum Wegwerfen in der elterlichen Garage die Reklamhefte meines Großvaters gefunden habe. Mit seinen Anmerkungen. Schiller. Goethe. All das, was wir auch gelesen hatten. Von 1890.

Hier jedenfalls in lockerer Reihenfolge die Literatur vom 9. bis zum 18. Lebensjahr (Kurzschuljahre in der Grundschule).
Vorsicht, es wird ganz lang.

Siegfried Lenz Feuerschiff ( seither weiß ich, dass Feuerschiffe sowas wie Leuchttürme am Anker sind)
Das kalte Herz Wilhelm Hauff ( meine erste Liebe: der Kohlenmunk Peter)
Wilhelm Tell von Friedrich Schiller (den mochte ich sehr: Pfeil, Armbrust, Apfel, Freiheitswille usw. nur fand ich, dass die Freiheitskämpfer zu viel reden für Hirten)
Iphigenie auf Tauris von Johann Wolfgang von Goethe( viele interfamiliäre Morde, mit der griechischen Götterei kam ich ziemlich durcheinander)
Antigone von Sophokles ( siehe eben)
Faust 1+2 Johann Wolfgang von Goethe (in der Oberstufe ein großer Spaß, „Uns ist ganz kannibalisch wohl, Als wie fünfhundert Säuen!“) Faust 2 wurde zuhause gelesen, auch besser so.
Odyssee von Homer („ …entfleuchte dem Gehege seiner Zähne..“)
Nibelungenlied auf Mittelhochdeutsch (spannende Geschichte, sperrige Sprache, aber Schwert, Mütze, Ehebett, Zwerg, Drache, Blut, alles da)
Nathan der Weise von Lessing ( auf dass sich die Religionen vertragen mögen)

Michael Kohlhaas Heinrich von Kleist (der gefiel mir, doch das Modell ist nicht zu empfehlen)
Mario und der Zauberer Thomas Mann (keine Ahnung)
Tonio Kröger Thomas Mann (ich war so verliebt)
Das Leben des Galilei Bertolt Brecht (da hieß ein Junge Andrea)
Der gute Mensch von Sezuan Bertolt Brecht (komplizierte Geschichte vom Gutsein, das nicht klappt)
Der zerbrochene Krug Heinrich von Kleist (kam mir immer ein bißchen vor wie der Blaue Bock)
Der Richter und sein Henker Friedrich Dürrenmatt ( keine Ahnung mehr)
Hauptmann von Köpenick Carl Zuckmayer (lustig, „ Hammse gedient?“ Hat mir gezeigt, dass Kleidung schon was ausmacht)
Kleider machen Leute Gottfried von Keller (siehe oben)
Der Biberpelz von Gerhart Hauptmann (irgendwelche berlinernde Kriminelle stehlen sich Zeugs)
Unterm Birnbaum Theodor Fontane (spannender Krimi)

Biedermann und die Brandstifter Max Frisch (merkwürdiges Stück)
Wallenstein Friedrich Schiller( Drama, liebte ich)
Maria Stuart Friedrich Schiller ( siehe oben)
Die Räuber Friedrich Schiller ( siehe oben)
Götz von Berlichingen Friedrich Schiller
Der Schimmelreiter Theodor Storm (sehr dramatische Erzählung, sie legte die Basis für meine Liebe zum Meer und allen Deichen drumrum)

Oscar Wilde Das Bildnis des Dorian Gray (toll geschrieben und sehr hilfreich um alle Dorian Grays meines Lebens frühzeitig zu erkennen)
Oscar Wilde Das Gespenst von Canterville (super, mit vielen Anregungen gegen die Gespenster dieser Welt)
Diese beiden habe ich auf Deutsch in Erinnerung, kann aber auch auf Englisch gelesen worden sein.

Aldous Huxley Brave new world ( beeindruckend)
Orwell 1984 ( beeindruckend)
Der Loneliness of a long distance runner von Allan Sillitoe ( Laufen hilft gegen kompliziertes Leben)

L’avare von Molière (ojeeeh, eine Qual, altfranzösisch)
Les mains sales von Sartre (keine Ahnung mehr)
Wir haben sicher noch mehr gelesen in den Fremdsprachen, aber ich erinnere mich nicht mehr.

Ich habe mich immer auf neue Lektüren gefreut und großen Spass daran. Aber dass es so viele war, erstaunt mich doch.

Nachtrag: Woyzeck von Georg Büchner (befremdlich)
Zauberberg Thomas Mann. (Den sollten wir zuhause lesen, was ich nicht getan hatte. Und dann kam er im mündlichen Abi dran, im Vergleich zu einem Textausschnitt aus Deutschstunde von Siegfried Lenz, das ich aber privat gelesen hatte. Da war ich sehr froh, dass es Kindlers Literaturlexikon in der Schulbibliothek gab. Und ich zumindest auf Lexikonniveau bluffen konnte)

Die Buddenbrooks sollen wir auch zuhause lesen, was nur ansatzweise geschah. Ich nahm es zum Einschlafen: eine Seite und weg. So bin ich nie zum Ende der Familie gelangt.

Was ganz anderes…….
Tatsächlich ein Musikvideo mit Masken.

Corona 536

Leverkusen ist bei 124, Flensburg bei 123. Surprise, surprise, Corona halt, die alte Socke.

Der Ministerpräsident des Nachbarbundeslandes, Armin, der Zögerliche, schafft es gerade, die CDU zu versenken. Die neuesten Umfragen zeigen es deutlich. Ich glaube, Frau Merkel wirft im häuslichen Umfeld mit Pflaumenkuchen. Und Helmut Kohl rotiert in seiner eingezäunten Grabesstelle an der Kirchenmauer in Speyer.

Jetzt also doch Afghanistan. Die Nachrichten der letzten Zeit sind so erschreckend! Dabei war es absehbar, was läuft. Die Amerikaner dachten, wenn sie an der Regierung vorbei mit den Taliban Verträge schließen, ist alles gut. Die Verhandlungen von Doha wirken skurril und schräg!
Meine Geschichte mit Afghanistan ist alt, und von Faszination geprägt. Afghanistan wohnte für mich in einem der chicen Hochhäuser südlich von Stuttgart, mit Aufzug. Außen ganz modern wohnte der Geschäftskollege und Freund meines Vaters mit Familie. Dann trat man in die Wohnung und dort war alles anders. An den Wänden hingen Teppiche, auf dem Boden lagen auch welche, manche in mehreren Lagen. Lederne Sitzkissen standen um flache Tische herum. Auf großen Metalltabletts wurde Tee serviert. Der Freund meines Vaters war jahrelang Entwicklungshelfer in Afghanistan gewesen. Die Familie träumte noch ganz lange von diesem Land. Er hatte Landwirtschaft studiert und berichtete von den Anstrengungen, den Boden fruchtbar zu machen. Seine Frau träumte eher vom Leben in der deutschen community und den vielen Angestellten.
Später dann im internationalen Wohnheim traf ich auf ein anderes Afghanistanbild. Als die Russen einmarschierten, gab es die ersten Flüchtlinge. Die Menschen, die da kamen, waren so, wie ich noch niemanden getroffen hatte. Sie nahmen Frauen nicht wahr, und hoben ihre Religion in alle Wolken. Man dürfe einen Christen anlügen und bestehlen, das mache nichts. Das waren die ersten Islamisten meines Lebens. Später dann traf ich immer mal wieder auf Menschen, die später aus Afghanistan geflohen waren. Sie waren genau das Gegenteil. Sie erklärt mir ihr Land, sammelten Spenden und taten zu Hause, was noch ging.
Auf der ARTE Mediathek gibt es Afghanistan, das verwundete Land, in 4 Teilen. Es erklärt so vieles, und tut weh. Afghanistan, das verwundete Land.
Ich konnte die Filme nicht hintereinander schauen und musste immer wieder Pause machen. Wer sowas nicht aushält, lässt es besser. Wer verstehen will, muss aber durch.

Afghanische Musik ist sehr komplex. Mir hat sie mal jemand erklärt, aber ich konnte mir nur wenig merken.
Tabla, die Trommel, und Saiteninstrumente mit unterschiedlicher Anzahl von Saiten.

Eine grobe Erklärung der Musik.
Ich muss zugeben, ich habe wenig Zugang dazu.
Was ich aber mag, ist dieser Gesang von Mohamad Hussein Sarahang.

Corona 535

Im daneben liegenden Bundesland steigen die Corona Zahlen massiv. Die Schule hat angefangen und die Lockerungsübungen des Ministerpräsidenten zeigen ihre Wirkung. Was soll man dazu sagen? Bonn und Wuppertal sind über 100.

Wussten Sie, dass es Blindenfußball gibt?
Einigen Jahren waren wir in einem Blindenheim in Saigon. Auf dem Hof spielten Kinder mit einem Ball, der innen drin ein Glöckchen hatte. Es gab einen Torwart und es gab Spieler. Herr Croco hat sich voller Freude mitten ins Getümmel gestürzt und hat mitgespielt. Es war eine solche Freude, zu sehen, wie gut die Kinder sich orientieren konnten.Das Finale der
der Bundesliga im Blindenfussball findet am 30. Oktober in Bonn auf dem Münsterplatz statt.

Heute habe ich mich an Pitcairn festgelesen, einer Südseeinsel, die mir eigentlich nur als Versteck der Meuterer der Bounty in Erinnerung blieb.
Die Nachkommen der Meuterer und einige geraubte Frauen aus Tahiti sind die Vorfahren der heutigen Bewohner. So kommen verstärkt genetisch verursachte Krankheiten durch, zum Beispiel Diabetes. Dass das nicht das Schlimmste ist, erfuhr man Ende er 90iger.

Erste Hinweise auf sexuelle Übergriffe waren 1996 aufgetaucht, als sich ein englischer Missionar, zurück in London, über die Verführung seiner Tochter durch einen Pitcairner beschwerte, was bis auf Weiteres ohne Konsequenz blieb. Drei Jahre später reiste die Polizistin Gail Cox aus Kent für sechs Wochen auf die Insel, um in gewisser Weise nach dem Rechten in toto zu sehen und dem Verdacht eines anderen Besuchers nachzugehen, in Pitcairn herrsche eine Art Faustrecht, die Insel sei, wie der Besucher mutmaßte, ein einziges Waffenlager. Was die Polizistin Ihrer Majestät bei den Recherchen peu à peu erfuhr, war von ganz anderer Brisanz: Polygamie, Inzest, Pädophilie.
Quelle
Es kam raus, dass es seit langem üblich war, zwölfjährige Mädchen zu missbrauchen. Und niemand schritt ein.
Es kam zu einem Aufsehen erregenden Prozess direkt auf der Insel.
Die als Kinder missbrauchten Frauen hatten meist die Insel verlassen und sind weltweit verstreut. Sie sagten aber aus.
Die Männer wurden verurteilt, konnten aber auf der Insel belieben, da nur die die Langboote fahren konnten. Ohne sie konnte man nicht raus zu den Schiffen fahren, die die Nahrungsmittel aus Neuseeland bringen.
Die Fotografin Rhiannon Adam besuchte die Insel und machte beeindruckende Fotos. Und erzählt Unheimliches.
Der Leipziger Hendrik Roos wanderte sogar dorthin aus und verlor seinen Südseetraum.

Es gibt aber auch Menschen, die nur das Schöne von Pitcairn sehen. Die Herren aus dem Prozess sind auch zu sehen.

Die Bounty wurde übrigens angezündet und in der Bucht versenkt. Im kleinen Museum der Insel finden sich noch Nägel und Kanonenkugeln. Und eine Bibel.
Ja dann.