Corona neun

Kurz hatten wir den 4. Platz erobert durch Überholung des Irans. Doch die USA ist an uns vorbei gezogen seit gestern. Wenn es nur nicht so furchtbar wäre…

In anderen Ländern leiden die Menschen auch unter dem Eingesperrtsein. Wer ein bißchen über den Alltag in Frankreich lesen mag:
Christine berichtet aus Cannes / und Wolfram aus der Bretagne. Vielleicht lebt er auch anderswo.
Ich stelle ihn mir immer als Landpfarrer zwischen Menhiren vor.

Bei Frau Kaltmamsell habe ich gelesen, wie sie das nennt, wenn keiner das böse Wort aussprechen mag: Voldemorting.
Es fiel mir gestern schon auf. Die Anzahl der samstäglichen Todesanzeigen hat sich fast verdoppelt. Beerdigungen dürfen ja seit Corona nicht mehr als 10 Personen teilnehmen. Eine kleine Auswahl des gestrigen Voldemorting.

Hier geht andauernd das Telefon. Nicht für mich, alles für die Systemrelevanz. Es gibt Suppe, die wärmt und macht wohlig im Bauch.

Der Spaziergang bleibt kurz. Zwar scheint die Sonne und gaukelt Frühling vor. Doch der Wind ist scharf und schneidend. Dazu bin ich noch gestolpert und hab jetzt ein dickes Knie.

Eine wunderbare Idee ist die Videokonferenz mit der Reisegruppe, die sich leider coronabedingt (ich benutze das Wort!) nicht treffen kann nächste Woche. Schön, alle wieder zu sehen. Bild und Ton ruckeln sehr bei mir. Vermutlich sind alle Dorfkinder bei Netflix.

Jetzt muss ich noch die Unterlagen für morgen durcharbeiten. Bei Prüfungen bin ich trotz vieler Übung immer sehr nervös, obwohl ich nicht so wirke. Ohne Protokollanten wäre ich aufgeschmissen.

Mittlerweile hat die Telefonkonferenz von Bund und Ländern feste, strengere Regelungen ergeben.
„Der Weg zur Arbeit, Hilfe für andere oder individueller Sport und Bewegung an der frischen Luft sollen der Vereinbarung zufolge aber weiterhin möglich sein. Ausnahmen gelten demnach zudem für zwingend notwendige Zusammenkünfte aus geschäftlichen, beruflichen und dienstlichen sowie aus prüfungs- und betreuungsrelevanten Gründen.“

Ich bin zufrieden, das lässt sich aushalten.
Es wird halt kontrolliert werden müssen. Die Polizisten in Ausbildung in der Fachhochschulen werden auf die Reviere verteilt, ihre Ausbildung wird abgebrochen. Die Ärzte aus der Forschung werden in die Universitätskrankenhäuser abgeordnet und pensionierte Ärzte und Apotheker unterstützen die vorhandenen Fachkräfte. Jeder tut was er kann!
Habe mich als Springer für Notfälle bereit erklärt. Mit Mundschutz wird es gehen.

So, mal sehen, was der Tag morgen bringt.
Die Zwiebeln haben gerade eine schiefe  Phase, und versuchen das Umkippen durch schräges einseitiges Wachstum auszugleichen. Wäre ich professionell vorgegangen, hätte ich Tuschemarkierungen angebracht. Dann könnte man sehen, dass eine Seite stärker wächst als die andere, um genau der Schwerkraft entgegen zu wirken. Schiefe Zwiebel egal, aber die Blüte sollte stramm nach oben stehen. Auch die Botanik hat ihre Prinzipien.B832B17D-30E6-4D40-92B6-D69537FEB45F

 

 

 

Corona acht

Kurz nach dem Aufwachen ist alles gut. Bis ich begreife, dass ich nur vergessen habe, dass wir in einem Alptraum leben. Gestern Abend haben wir den Wein an der Haustür des Händlers gekauft und auf dem Hof verladen. Ein Geburtstagsgeschenk wurde mit ausgestrecktem Arm an der Haustür überreicht. Distanzgratulation. Keine Gäste da. Im REWE waren alle Regale voll, bis auf das Klopapierregal gähnte nichts. Dann fahre ich heute das bestellte Fleisch auf dem Hof abzuholen. Über zwanzig Kilometer zauberhafte Landschaft und scheinbar verlassene Dörfer. Where the cows have all names. Und so ein Rind mit Namen ruht nun teilweise zumindest im Gefrierschrank. Gestern hatte ich Geschirrspülmittel für die Maschine  vergessen, ausgerechnet. Also auf dem Rückweg wieder zu REWE.  Über Nacht hat der Boden im Geschäft Abstandsstreifen bekommen und die Eingänge Security.  Drei junge Männer mit zweifelhaftem Aussehen bewachen Eingänge und die Warteschlange. Und das bei unserer meist sanftmütigen Landbevölkerung. Den Leuchtbojen ist es auch sichtlich unangenehm, wenn kleine alte Damen sie verwirrt betrachten. Die ersten Mundschutze grüßen mich. Ich grüsse zurück, weiß aber nicht wen. Habe mich mit Lindtschokolade eingedeckt, damit ich was habe, was ich mit ausgestrecktem Arm an Haustüren überreichen kann. Wenn ich bis dahin überhaupt das Haus verlassen darf. Der Mann hat ja einen Passierschein, ist aber sicher nicht aufgelegt, Schokolade an Haustüren zu überreichen.

In der Stadt ist Polizei unterwegs. Das sind sie ja samstags meist, aber in der Nacht, um die zugedröhnten Jugendlichen und Schützenvereinsmitglieder aus dem Verkehr zu ziehen. Und ich ertappe mich dabei, zu überlegen, welche Alkoholikerpfade ich ab jetzt durch den Wald nehmen muss, damit ich nicht in  eine Sperre komme. Vor zwanzig Jahren waren wir im Baskenland in eine Anschlagswelle der ETA geraten. Da gab es auf dem letzten Feldweg noch Polizeisperren und Kontrollen.Mittlerweile ist laut Zeitung die S-Bahn nach Köln ist eingestellt. Die Freiheitsgrade erniedrigen sich.

Da das Leben weiter gehen muss, koche ich paar Kilo Knochen zu Suppe ein. Es hilft ja nichts, dieses Trübsalblasen. Ein Spaziergang im Dorf zeigt den abgesperrten, menschenleeren Spielplatz. Überhaupt menschenleer. Das lebhafte Dorf vom letzten Wochenende ist wieder so leblos wie immer. Es ist übrigens mein letzter Spaziergang mit Handy. Diese Bewegungsmuster, die jetzt Litauen und Israel erstellen, beunruhigen mich doch.

Was mir so an diesen Tagen durch den Kopf geht, ist die Liedzeile  „Trotz alledem “ von Ferdinand Freiligrath. Ich hab schon mal im schon mal Blog über dieses Lied geschrieben.

 

Das hier ist der Originaltext.

Ob Armut euer Los auch sei,
Hebt hoch die Stirn, trotz alledem!
Geht kühn den feigen Knecht vorbei;
Wagt’s, arm zu sein trotz alledem!
Trotz alledem und alledem,
Trotz niederm Plack und alledem,
Der Rang ist das Gepräge nur,
Der Mann das Gold trotz alledem!

Das war ’ne heiße Märzenzeit,
Trotz Regen, Schnee und alledem!
Nun aber, da es Blüten schneit,
nun ist es kalt, trotz alledem!
Trotz alledem und alledem –
trotz Wien, Berlin und alledem –
ein schnöder scharfer Winterwind
durchfröstelt uns trotz alledem!

Corona sieben

Alle stehen bereit. Eine Fieberambulanz ist eingerichtet. Die Geschäfte, die noch auf haben, schützen ihre Angestellten soweit es eben geht. Der Glashändler bringt Spuckschutz um Spuckschutz an. Ja, so heißen die Glaswände. Die Stehplätze für Kunden werden mit gelben Kreuzen markiert. Die Beschaffung der Materialien ist vermutlich einer der Gründe, warum die Baumärkte noch geöffnet haben. Der andere ist vermutlich der Ausfall der Fussballspiele. Die Männer müssen beschäftigt werden am Wochenende.
Gottesdienste gibt es keine mehr, weder bei den traditionellen Kirchen noch bei den Freikirchen. Das wird schwer werden, da bei letzteren dort ganze Wochenenden mit Beten und Basteln verbracht werden.
Die Pfarrer haben genaue Anweisungen für Beerdigungen.
Es dürfen nur bis zu 10 Trauergäste anwesend sein. Und alles muss an der frischen Luft stattfinden, keine Andacht, kein Gottesdienst in Gebäuden. Und die Trauergemeinde muss weit auseinander stehen.
Keine Hausbesuche mehr, nichts. Die Kirchen werden abgeschlossen.

Es ist schwer ohne Menschen. Normalerweise bin ich froh, wenn ich nach Hause komme, wenn einfach nur Ruhe ist, und Schweigen. Jetzt merke ich, dass sie mir fehlen, die kleinen Krakeelerchen auf dem Hof, die Aufreger meiner Kollegen im Lehrerzimmer und all die beiläufigen Anlächler auf dem Weg über die Flure.
Das ist die Erkenntnis des Tages. Ich bin nicht zum Einsiedler geeignet. Bisher hatte ich mir das eingebildet, dass es nicht Schöneres gäbe als eine Blockhütte an einem See in Canada, ein Kanu davor und auf der Terrasse einen Schaukelstuhl mit Seeblick. Baaaah, ich würde jeden Tag zum Store paddeln und Gummibärchen kaufen. Oder mit Nachbarstrapperinnen Muckefuck mit Ahornsirup trinken.

Erstaunlich ist, was sich im Schatten dieser Krise alles tut.
Die Reichsbürger werden verboten, es gibt Razzien, die AfD droht zu zerfallen wegen Höckes Äußerungen, der Flügel wird vom Verfassungsschutz überwacht.
Was wären das noch für Aufreger gewesen vor Wochen.
Wobei jetzt genau die Zeit dieser rechten Lümmel wäre. Grenzen zu, Überwachung, Ausnahmezustand, genau ihre Themen. Ihre Träume werden wahr und sie streiten und drohen mit Parteiaustritt.
Die Welt ist aus den Fugen.

Und im rasanten Tempo lernt die Welt, was Viren sind. Wenn das 19. Jahrhundert das der Physik war, das 20. Jahrhundert das der Chemie, ist das 21. ein Jahrhundert, das einen Biologie lehrt. Geschwindigkeit ist nicht nur eine Sache der Fahrzeuge sondern auch des Lebens. Dort gewinnt auch der schnellere, sogar in der Botanik.

Am dem Tag, an dem ich Corona eins geschrieben habe, fand ich in der Garage noch ein paar Blumenzwiebeln, die in der Pflanzorgie im Herbst übersehen wurden. Ein bißchen schaute schon das erste Keimblatt raus. Am ersten Tag bildeten sich Würzelchen und jetzt wachsen alle stramm vor sich hin. Auch die beiden Kümmerlinge haben es sich anders überlegt.