Die Sonne scheint, als ob es kein Morgen gäbe. Frühling. Die Schlehe im Garten blüht, die Kirschknospen sind kurz vor dem Platzen. Und das im März. So als ob die Natur es ganz eilig hat uns noch schnell eine Freude zu bereiten.
Vor einigen Jahren waren wir in Pompeij. Und haben gesehen, wie damals die Menschen einfach vom heißen Gas und dem Staub überrascht und erstickt wurden. Man hat Später die Hohlräume ausgegossen. Daran musste ich heute denken. Warum sind sie nicht weggerannt? Es muss doch ein Grollen gegeben haben. Ein leichtes Erdbeben. Vielleicht ist es heute auch so: man fühlt es, man begreift es aber nicht.
In der Schule haben wir die schnell zusammen getackerten Anweisungen des Ministeriums mitgeteilt bekommen. Die Schüler werden von uns mit Aufgaben versorgt. Und wir sollen irgendwie überprüfen, ob und wie sie sich gemacht haben. So dass wir eventuell Noten darauf geben können. Ein Betreuungsnotdienst wurde eingerichtet, bisher tauchte kein einziges Kind auf.
Die Abiturprüfungen finden statt, allerdings in der Minimalversion. Wir haben die Tische gerückt, die Tafeln geputzt, die Mediengeräte überprüft. Und haben uns mit einem Lächeln und einem leicht wehmütigen Bleibt gesund! verabschiedet.
Beim Einkaufen danach im Supermarkt sieht man viele eifrige Hände, die die Regale einräumen. Der Reis ist alle, Joghurt ist alle, und Klopapier ist alle. Der Hortungswahn hat sich auf die Küchenrollen übertragen. Die sind nämlich auch alle. Ich möchte mir das gar nicht weiter vorstellen. Seltsam das Verhalten der anderen Kunden. Es ist ein großes Ballett! Ein Ballett in den Gängen, zwischen den Regalen, mit Einkaufswagen. Jeder achtet auf Abstand. Alle weichen einander aus. Allerdings mit einem Lächeln. Die Schlangen an der Kasse sind länger als sonst: alle halten Abstand. Und ich habe den Osterhasen gesehen! Ein unauffälliger ältere Herr hat den Einkaufswagen bis oben hin gefüllt mit Eierpackungen. Kein normaler Mensch kann in zwei Wochen diese Menge Eier aufessen. Es muss also der Osterhase sein, im Körper eines 80-jährigen grauhaarigen Lederjackenträgers.
Die Bäckereifrau erklärt gerade den Angestellten, womit und wie sie ab jetzt was anfassen sollen. Die Plastikhandschuhe für alle Lebensmittel, die nackte Hand nur noch für das Geld.
Ich kaufe Blumen. Schon wieder kaufe ich Blumen. Kleine Töpfchen mit blühendem irgendwas. Es ist zu kalt, um sie draußen zu lassen. Trotzdem habe ich Freude daran.
Zuhause gibt es Huhn mit Gemüse im Römertopf. Der Gefrierschrank muss leer werden, das Nachfolgerind ist schon in der Warteschleife.
Ich dekoriere ein bißchen die neuen Blühwunder und setze die Hyazinthen aus der Garage in eine große Schale.
Ich rufe im Krankenhaus an, in dem meine Mutter lag. Es gibt Probleme mit der Beschaffung eines Medikaments. Sie sagen, bei Ihnen sei die Hölle los. Und dass meine Mutter auf keinen Fall zuhause Besuch empfangen soll. Und wenn was ist, sollen wir sofort auf Station anrufen. Und keinen Krankenwagen oder Notarzt rufen. Sonst bleibt sie in der Notaufnahme stecken, sagen sie.
Den alten Nachbarn mag ich nicht besuchen. Es geht ihm schlechter in letzter Zeit, da kann er meine Keime nicht brauchen So rufe ich an und er erzählt, dass er aufpassen muss, dass ihn die Verwandtschaft nicht ins Heim steckt. Sie reden schon über seinen Kopf hinweg. Ich habe ihm gesagt, er soll dann mich holen, ich verhaue alle.
Die Nachricht kommt, dass die Geschäfte geschlossen werden bis auf lebensnotwendige wie Lebensmittelläden und Apotheken. Und Friseure. Hä? Friseure? Ich muss nicht alles verstehen.
Seltsamerweise habe ich den Eindruck, dass das Virus schon längst da ist. So viele Leute sind gestorben die letzten Wochen, so viele Kinder und Kollegen waren krank. Jetzt werde ich auch schon paranoid. Heute Morgen bin ich doch knapp dem verschwörungstheoretisch versiertesten Kollegen entkommen.
Langsam muss ihc einen Plan machen für die nächsten Tage. Die Volkshochschule, an der ich zwei Kurse besuche, hat angerufen. Ja, ich wechsle gerne auf die andere Seite des Tresen. Sie stellen den Betrieb ein bis Ende April. Ob ich wenigstens die Lerngruppe weiter aktiv halte? Ich bin mir unsicher, ich gehöre ja zur Risikogruppe. Es werden einsame Wochen werden. Den Mann werde ich kaum sehen, er arbeitet systemrelevant bis zum Anschlag. Heute und morgen muss ich den Fernunterricht für die Klassen vorbereiten.
Aber für danach habe ich eine Idee:
Ich nähe mir einen Mundschutz.
Monat: März 2020
Corona zwo
Was für ein weiterer seltsamer Tag. Ein Tag der Geschichten, eigentümlich flirrend und voll ungewöhnlicher Nähe.
Zwei Dinge waren geplant, ein Kaffeeklatsch per Video und die Fertigstellung der Prüfungsaufgaben. Es kam dann alles ganz anders.
Nach dem Aufstehen gab es Frühstück und Schreibtisch. So weit, so normal. Dann aber ein Anruf von Freunden. Wir hören nur alle halbe Jahre voneinander. Ja, wir leben noch. Wie geht es Euch? Geschichten von Corona in South Dakota. Flüge, die es nicht mehr gibt. Von Brüdern, die sich jetzt nicht treffen können. Die Schulen sind auch in Amerika zu und dann die Schwester mit der schweren Diabetes. Es folgt eine Geschichte, die so gut ist, ich sie aber nicht erzählen kann weil ein ziemlich prominenter Mensch drin vorkommt. Beim Kaffeeklatsch will ich sie loswerden.
Dann meldet sich eine Freundin. Ihr und den Kindern fällt die Decke auf den Kopf in der Stadt. Gut, wir gehen spazieren am Nachmittag. Das tun wir dann auch, eine Runde ums Dorf.
Überall sind Menschen draußen, Kinder spielen in großen Gruppen, Dorfbewohner, die wir sonst nur grüßen, kommen her und reden. Jeder erzählt, sehr nah, sehr freundlich, und immer mit etwas Wehmut. Endzeitstimmung. Die Sonne scheint, und allen ist ein bißchen so, als ob das vielleicht der letzte Tag ist, das letzte Mal, dass man sich sieht. Die Freundin ist auch so, ganz intensiv, ganz tief. Sie ist vom Fach, Panik ist ihr fremd. Und doch.
Und überall ist es grün, die Knospen platzen, Leben überall.
Und wir unterhalten uns über Symptome, und wie es ist, an Lungenentzündung streben. Wie ertrinken, ersticken.
Die Kinder hüpfen und spielen, rühren mit Stöcken in der Quelle.
Sie wissen auch, warum die Schule ausfällt. Corona. Was es ist, wissen sie nicht. Irgendwas mit krank.
Der Spielplatz ist voll wie nie. Es reicht auf dem Bolzplatz nicht nur für zwei Mannschaften sondern auch für Zuschauer.
Alle sind sehr freundlich zueinander, alle lächeln. Mir kommt es vor wie die Wochen vor einem Krieg.
Das kann doch gar nicht sein, so schlimm kann es doch nicht werden. Dann denken wir an die Bilder Italien, Spanien, Frankreich. Doch, es kommt näher, genießen wir die Zeit.
Erst als die Sonne untergeht, gehen alle der Reihe nach nach Hause. Für den Kaffeeklatsch per Video ist es zu spät, schade.
Dann meldet sich eine andere Freundin, von der wir auch nur alle halbe Jahre hören. Facetime. Eine Zeit, in der man sich sehen muss. Wieder Geschichten von Bussen aus Ischgl, die viele Infizierte ausspuckten. Und dann suchte man und setzte unter Quarantäne. Angestellte, der die Wohnung nicht verlassen dürfen.
Die Geschichten ähneln sich. Kinder besuchen die Eltern noch. In den nächste Wochen geht es vielleicht nicht mehr.
Dann klingelt noch kurz eine Freundin, sie war in der Nachbarschaft unterwegs.
Ihr ist alles sehr seltsam. Ihren Flug nach Italien wird sie nicht antreten können.
Auch dann das Telefonat mit der Mutter. Risikogruppe und sehr alt. Vergnügt ist sie, sie verspricht, keinen Besuch zu empfangen, darauf zu achten, sich die Hände zu waschen, zu schauen, dass sie den Diakonieschwestern die Hand nicht gibt. Ihre andere Tochter ist in Quarantäne, sie hatte Kontakt mit einer infizierten Person. So sehr kümmert es die Mutter aber nicht, sie denkt an sich. Und sagt, sie hätte schon anderes überstanden. Ja, so ist das wohl.
Tage wie Glas.
Corona eins
Ein bißchen kommt es mir zur Zeit vor wie zu Zeiten des Mauerfalls. Als damals die ganzen Volksbewegungen im Ostblock waren, hat kaum einer dran gedacht, dass das in einem Zusammenbruch der Systeme enden würde. Ja, ich weiß schon, Ronald Reagan. Aber sonst: uns jungen Leuten war das bestenfalls egal. Wir kannten niemanden von dort und wollten auch nicht da hin. Bis auf meinen Vetter W., aber das gehört jetzt nicht hierher.
Und plötzlich kippte alles und nichts galt mehr. Heute steht der Mauerfall im Geschichtsbuch.
So die Seuche jetzt. Als Biologin interessiere ich mich schon für Krankheitserreger, für Übertragungswege und Fehlwirte. So verfolge ich die Ausbreitung des Erregers vom Stamme Corona mit Interesse. Bedeutsam, dass alles von einem Markt in Wuhan ausgegangen ist. Wer ein Mal über einen Markt in China gegangen ist, weiß, dass dort alles möglich ist, alles. Und wer danach auf einer chinesischen Toilette war, ahnt Fürchterliches.
Und dass das Virus von seltsamen Tiere auf den Menschen übersprang, vermutlich von einer Schlange names Krait und vielleicht auch von einer Fledermaus, wundert einen dann nicht mehr.
Nun, ich habe alles aus wohltuender Entfernung betrachtet.
Und irgendwie war das Virus plötzlich hier. Ach, sieh mal an.
Und plötzlich ging es schnell. Eigentlich weiß ich, was exponentielles Wachstum ist. Aber wie es sich anfühlt, wusste ich nicht.
Verdopplung, von Tag zu Tag. Und es kommt näher. Plötzlich gibt man sich nicht mehr die Hand, dreht sich ab, wenn einer hustet, und fühlt ein bißchen Schmerzen im Hals. Kein Husten, also kein Corona. Und dabei ist es so ein hübsches Virus.
Und von einer Stunde auf die andere ist es im Alltag. Menschen kaufen merkwürdige Sachen, reden miteinander über’s Händewaschen und fassen sich nicht mehr ins Gesicht. Die Schulkinder nehmen das alles sehr ernst. Und sind verwirrt, wenn die Lehrerin auf einmal sagt, dass sie das auch nicht wüsste.
Und gestern Vormittag dann das Gerücht, dass die Schulen schließen, alle im Bundesland, alle in Deutschland. Am Abend ist es sicher, alle sind zu. Betreuung ist in besonderen Fällen zugesichert, das Kollegium hat Dienstpflicht. Die Ministerin sagt das nochmals ganz genau. Wohl ist ihr nicht dabei. Wie soll das aussehen? Das mündliche Abitur steht an.
Wenn die Gespenster überall sind, hilft auch lautes Pfeifen nicht.
Die Sorge um die alten gebrechlichen Angehörigen, um die Nachbarn, ist groß.
Keiner hat es je erlebt. Geschichten aus Pest- und Cholerazeiten fallen einem wieder ein. Und was die Angst mit Menschen macht, wie schnell der Lack der Zivilisation von ihnen abfällt.
So habe ich mir vorgenommen, jeden Tag hier zu schreiben, was geschehen ist. Für später, vielleicht. Damit ich mich erinnere, wie alles gewesen ist, als die Seuche kam. Und ich wünsche mir, dass ich irgendwann zurück blicken kann auf außerordentliche Zeiten, in denen Menschen gelernt haben, worauf es ankommt, dass sie zusammen halten und sich die Ohren zuhalten, wenn schlimme Geschichten die Runde machen. Ja, das Leben ist gefährlich, und es ist endlich. Und doch wünsche ich mir, dass alle, die mir am Herzen liegen, weiterleben dürfen.