Corona 315

Die Frau in der Bäckerei vor mir erkenne ich erst spät. Jogginghose mit Streifen, unförmige Sportschuhe und ein etwas verwuscht aussehender Fellmantel lassen nicht auf die sonst superdupergestylte örtliche Modegschäftsbesitzerin schließen. Karl Lagerfeld sagte es bereits: wer Jogginghosen trägt, hat die Herrschaft über sein Leben verloren.

Ja, es ist Einkaufstag heute. Ein Mal pro Woche und dann kurz nach sechs am Abend. Es sind kaum Leute unterwegs und man räumt im Rewe schon wieder die leeren Regale voll. Als ich die Riesenpackung Toilettenpackung auf das Band wuchte, damit sie sie gleich scannen kann, lacht die Kassiererin: Wollen Sie hamstern?
Nein, sag ich. Eine große Portion reicht für eine Weile. Wie haben beim letzten Mal keinen Vorrat und mussten dann mit üblem Papier vorlieb nehmen.
Ja, da hatten wir damals welches aus Polen und der Ukraine. Davon haben wir jetzt noch im Lager. Falls wieder gehamstert wird, sagt sie.
Ja, das waren raue Zeiten.
Ich hatte mal ne Portion Toilettenpapier aus dem Palast der Republik in Ostberlin aufgehoben. Dort gab es eine coole Bar und eine Toilette mit dottergelben Fliesen. Ich war sehr beeindruckt, bis ich das Toilettenpapier in Händen hielt. Es hatte den Charme von Schmirgelpapier. Ich nahm ein paar Blätter mit als Souvenir.
So ähnlich war das im Frühjahr, Schmirgelqualität.

Jetzt muss ich noch drei Woche Fernunterricht stemmen. Die Freundin am Telefon ist ganz verzweifelt. Es reicht ihr, den ganzen Tag am Rechner und am Telefon zu sitzen.
Ich glaube, meine Wurstigkeit hilft mir da sehr.
Ich arbeite ab ohne nachzudenken. Und ich habe beschlossen, jetzt einfach ne Kursfahrt für nächsten Sommer zu planen.

Meine Frisur ist keine mehr. Ich habe ja einen Wuschel auf dem Kopf, der durch Friseurkunst gezähmt wird. Jetzt ist die Grenze erreicht. Drei Monate ohne Schere. Ob ich mir jetzt einen Zopf mache? Das Pony der Freundin kann wenigstens mit der Nagelschere gekappt werden. Meine wenigen Selbstschneideversuche haben mich etwas traumatisiert. Die Schläfen habe ich trotzdem entkringelt mit dem Langhaarschneider.

2 Gedanken zu “Corona 315

  1. Ach, ich finde das ja eher sympathisch, das die Modegeschaeftsfuehrerin cool genug ist, in ihrer Freizeit Jogginghose zu tragen.

    Hab auch kein Rezept für die Haare, ich wickele mir gern Tücher um den Kopf, wenn die Haare nicht mehr so aussehen, wie sie sollen. Inspiratiert von afrikanischen Frauen. Die tragen immer großartige Kreationen im Haar finde ich.

    Sehr amüsant fand ich, dass George Clooney sich seit 30 Jahren die Haare mit einer schrecklichen Haarschneidemaschine in Perfektion selbst schneidet. Geisterte kürzlich durchs Web (oder las ich es gar bei dir?)

    Unverzagt weiter, ist derzeit meine Devise.
    Herzlich aus dem Süden, Christiane

    • Ich war einfach überrascht, dass sie sich so kleidet, dass sie überhaupt solche Sachen hat. Sonst ist sie schon blinkiblinki angezogen.
      Die Schals habe ich immer im Sommer um, das ist dann kühler. Dass ich das im Winter auch machen könnte wegen Frisur, darauf bin ich nicht kommen. Danke 😊.
      Unverzagt klingt herrlich.
      Ja, Clooney war hier, aber auch anderswo.

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