Zum ersten Mal seit Monaten konnte ich sie sehen, ein Häufchen Elend, voller Schmerzen. Ungefrühstückt, ohne Schmerzmittel und mit falsch angelegtem, drückendem Verband saß sie, klein und klapprig, in einem riesigen Stuhl.
Und da soll man freundlich sein zum Personal.
Als ich am Nachmittag noch mal da war, durfte ich nicht rein, nicht mal ans Fenster. Es ginge ihr gut, sagten sie mir.
Mehr ist zu diesem Tag nicht zu sagen.
Bin jetzt anderswo. Und kümmere mich. Weil ich es kann. Organisatorisches liegt mir, obwohl ich es ungern mache. Verrückt oder? Bei Formularen habe ich immer den Drang, über die Zeilen zu schreiben und was ganz anderes einzutragen, als gefordert wird. Meine Art des Revoluzzertums. Salonrevoluzzertum. Aber hier ist es für einen geliebten Menschen, der es braucht. Ich reiße mich zusammen, versprochen.
Heute habe ich kleine Schwäne gesehen, die schön aufgereiht hinter ihrer Mutter her schwammen. Oder war es der Vater? Jedenfalls kam ein Mann mit Fahrrad, der ganz offiziell die Schwäne fütterte. Kraftfutter für Vögel, sagte er.
Hier in einer Coronahochburg tragen alle ganz selbstverständlich Masken. Die weit auseinander gestellten Tische in den Restaurants sind fast alle besetzt. Es sieht nach Leben aus. Hochgerüstete Wanderer fragen, wo wir das Eis her hätten. Aber die 500 Meter zusätzlich waren ihnen dann doch zu weit.
Was Wunderbares habe ich gesehen. Heute wurde in Bordeaux eine Lichtinstallation eröffnet: Bassins lumieres
Meine Ministerin hat verlautbart, dass wir vermutlich nach den Sommerferien wieder volle Kraft vorraus den vollen Kahn Richtung, naja, in irgendeine Richtung in Bewegung setzen. Mit ohne Mundschutz und ohne Abstand. Oh, Frau!
Ulla hat mich auf die Idee gebracht, mich mit Andreas Vollenweider zu beschäftigen. Ach, und plötzlich kommen Fetzen der Erinnerung. Zum ersten Konzert hat mich J. mitgenommen. Erst viel später habe ich begriffen, dass das als Auftaktveranstaltung gedacht war. Da er mir aber die halbe Zeit von seiner ehemaligen Freundin erzählte, kam ich nicht drauf. Er war so ein Mick-Jagger-Typ. Mir hat man dann zugetragen, dass er sich schon was mehr erwartet hätte. Nun, J., wenn Du das liest, das wäre nichts geworden, gar nichts, obwohl Du mich Deiner Mutter vorgestellt hast.
Wenigstens ist mir die Musik geblieben.
Später mal habe ich auf Lanzarote ein Plakat gesehen: Andreas Vollenweider. Den Text habe ich nicht verstanden, damals konnte ich kein Spanisch. Irgendwie habe ich herausbekommen, dass man sich an einer bestimmten Stelle einfinden soll, dann bringt einen ein Bus in einen Vulkan. Dort ist dann der Auftritt. Genau so war es. Stockdunkel, nur Licht auf der Bühne und tausende Menschen saßen im Staub. Die sphärische Musik stiegt die Vulkanwände hoch und weckte Scharen von Raben, die immer wieder ihre Kreise zogen. Es war unglaublich schön! Die Rückfahrt war dann ziemlich chaotisch, bis die Busse all die staubigen Zuschauer eingesammelt und wieder verteilt hatten.