Corona 402

Wenn ich die brennenden Fahrzeuge an der Mauer sehe, brennt mir das Herz: Belfast.
Dass der Frieden so lange hält, ist schon ein Wunder. Es war ein Bürgerkrieg in Nordirland zwischen den ehemaligen evangelischen und britischen Besatzern und den katholischen und eigentlich irischen Bewohnern. Ja, ich stehe auf der irischen Seite. Aber nicht auf der kriegerischen.
Die Mauer in Belfast bin ich ganz abgelaufen. Und man versicherte mir, dass diese Tore zwar nachts geschlossen, aber tags doch noch Abfall und Gemüse über die Mauer fällt. Sie geht durch zwei recht arme Gebiete, der Rest von Belfast ist großstädtisch. Man muss genau hinschauen, wenn man wissen will, ob man in der richtigen oder der falschen Kneipe ist.
Die Coronazahlen steigen und heute war unser erster Schultag. Wir werden gebrieft und man sagt uns, welche wichtige gesellschaftliche Aufgabe wir denn erfüllen.
Ich bin der Worte so müde.
Die Geschichten aus dem Bekanntenkreis häufen sich, Familienfeiern, sogar große Verlobungen, Gottesdienste. Und Besuche der Enkel, ungeimpft. Ach ja, genau, dann Intensivstation.
Die Zeit, die hinter mir liegt, fühlt sich an wie eine Brei. Tage lassen sich nicht mehr unterscheiden.
Das passiert, wenn man keine äußeren Taktgeber hat. Chronobiologie. Eigentlich eine Sache der 60iger und 70iger Jahre.
Spektakulär waren die Versuche im Andechser Bunker. Im Studium habe wir einen solchen Versuch gemacht über ein paar Tage, spannend. Ohne äußeren Taktgeber wie Sonnenlicht oder Uhr entwickelt sich ein eigener Rhythmus der Aktivität, der nicht 24 Stunden beträgt, sodern meist eine Stunde länger. Eine faszinierendes Thema. Dann wurde es ruhig drumrum.
Erst jetzt gräbt man wieder in diesem Wissenschaftszweig rum. Und kommt auf die alten Höhlenexperimente zurück: wie ergeht es Menschen, die nicht wissen, ob es draußen Tag oder Nacht ist. Die Erfahrungen sind unterschiedlich, von Verzweiflung bis Euphorie. Die Finstere Höhle biete alles.
Hier noch die lange Geschichte der Chronobiologie.
Es muss etwas in jedem Lebewesen geben, das ihm den Takt gibt. Was ist es? Wo müssen wir suchen?
Sind es organische Moleküle, die oszillierend reagieren? Oder sind es Schwingungen? Ein großes Rätsel, noch. Sehr kompliziert oder sehr einfach.

Zurück zu Nordirland. Ein Glaubenskrieg wurde er genannt, der Bürgerkrieg. Und doch war er einer zwischen reichen Besatzern und armen Eroberten.
Lieder dazu gibt es reichlich, von einfach (ja, ich weiß, geschummelt) bis anspruchsvoll

Das war Belfast im Jahre 2014

8 Gedanken zu “Corona 402

      • Von McKinty gibt es eine ganze Reihe preisgekrönter Kriminalromane, deren Hauptfigur Sean Duffy ist, der einzige katholische Dectective Inspector bei der Royal Ulster Constabulary in Carrickfergus. Die Handlung spielt in den 1980ern, weshalb Duffy immer erst einmal unter seinen BMW nach Sprengladungen schaut, bevor er einsteigt und losfährt. Dass er als katholischer Ire für die RUC arbeitet, findet nicht nur die IRA nicht so prima, zudem wohnt er in einem protestantischen Viertel. Duffy besitzt eine riesige Schallplattensammlung, trinkt nach Feierabend oft und viel und er raucht auch mal gerne etwas.

        McKinty kam 1968 in Belfast zur Welt und wuchs in Carrickfergus auf. Davon erzählt er auch im Interview aus dem Jahr 2015.

  1. Belfast Child, was für ein Lied!
    In unserer Familie halten sich alle streng an die Vorgaben. Ostersamstag habe ich seit vier Monaten eine meiner Sohnfamilien bei einem Spaziergang wiedergesehen, taggleich negativ getestet. Der Onkel, 57, meiner Schwiegertochter liegt seit vier Wochen auf der Intensivstation, seit drei Wochen beatmet, vor einer guten Wochen verlegt in die Charité, das die Sauerstoffsättigung in den Keller ging. Seine Mutter, die Oma meiner Schwiegertochter, wird seit drei Wochen beatmet und wurde jetzt zur Weiterbehandlung in eine Rehaklinik verlegt. Dort wird sie von der Beatmung entwöhnt, die Prognose ist recht gut. Es soll aber immer noch Menschen geben, die in ihrem Umfeld niemanden kennen, der diese verfluchte Krankheit, egal in welcher Ausprägung, hat oder hatte.
    Und ja, das ganze Rumgeeiere unserer Politik und der vielen selbsternannten Experten hat das alles nicht einfacher gemacht.
    Ich wünsche dir, trotz allem, oder gerade deswegen, ein schönes Wochenende!
    Elvira

  2. Through The Barricades von Spandau Ballet darf hier nicht fehlen. Martin Kemp schrieb den Song, nachdem er mit dem Schlagzeuger Jim Reilly (Stiff Little Fingers u.a.) am Grab von dessen Bruder Thomas war und die Barrikaden auf den Straßen Belfasts gesehen hatte. Thomas Reilly arbeitete als Road Manager für mehrere Bands – darunter Spandau Ballet, Depeche Mode, The Jam, Bananarama – und war zuständig für das Merchandising. Nach einer Tour mit Spandau Ballet im Frühjahr 1983 wohnte der 22-Jährige den Sommer über wieder bei seinen Eltern in Belfast, als er am 9. August von einem 18-jährigen britischen Soldaten von hinten erschossen wurde. Der Soldat wurde zu lebenslänglicher Haft verurteilt, es war das erste Mal, dass in Nordirland ein britischer Soldat verurteilt wurde, weil er jemanden im Dienst getötet hatte. Er saß aber nur gut zwei Jahre ab und wurde direkt wieder in sein Infantrieregiment aufgenommen. Jim Reilly vergab ihm. Bananarama waren auf der Beerdigung, zumal Siobhan Fahey damals Jims Freundin war. Insgesamt wurden nur vier britische Soldaten jemals wegen eines Tötungsdelikts im Dienst in Nordirland von einem Gericht schuldig gesprochen und verurteilt.

    Der Boney M. Song „Belfast“ stammt übriges aus der Feder von Drafi Deutscher, James Bilsbury und Joe Menke und sollte ursprünglich „Londonderry“ heißen – vermutlich gibt es einen Zusammenhang mit dem Bloody Sunday 1972. Den Song schrieben sie für Marcia Barrett, die damals noch solo auftrat. Frank Farian produzierte ihn später mit ihr und Boney M.

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