Corona fünf

Das Ballett ist vorbei! Mit dem Einkaufswagen biegt man zwar frühzeitig ab, wenn einer kommt, aber gelächelt wird nicht mehr. Und die früher freundlichen Einräumfrauen und Kassiererinnen sind ausgetauscht worden gegen Zerberusse.
Alle wirken grau und genervt. Klopapier ist da, wird aber rationiert. Die anderen Regale sind leicht ausgedünnt. Milchreis fehlt immer noch. Der Drogeriemarkt wurde dagegen von einem Stamm Vandalen überfallen. Jetzt dämmert es vielen, dass man zwischen dem Nudelessen auch mal duschen muss. Ich bin fies, ich weiß. In den noch geöffneten Geschäften treffe ich niemanden, den ich kenne. Es ist eine Sorte Leute unterwegs, die ansonsten die Dokusoaps der Privatsender bevölkern, als Darsteller. Ich bin schon wieder fies, aber der raue Ton verursacht mir Übelkeit. Eigentlich solle ich nicht mehr raus, eine Freundin bitten, einzukaufen.
Ein Gespräch mit der Schulleitung klärt die Desinfektionsbedingungen für die mündliche Prüfung. Mit Handschuhen, Spray und Tuch die Tische desinfizieren, nach jeder Prüfung. Munition ist reichlich vorhanden.
Was mach ich jetzt außer kochen?
Der Hof ist gefegt! Ich müsste die trockenen Gräser abschneiden, sonst treiben die neuen durch, ich komm nicht mehr ran und es sieht nach Gestrüpp aus.
Draußen ist was los, die umwohnenden Jungs bilden die üblichen Banden und quälen ihre Elektroroller zu Tode. Der eine Nachbar hat anscheinend ne neue Motorsäge. Dass er Zeit hat? Er ist doch auch systemrelevant.
Die hier wohnende Systemrelevanz benutzt gerade mein Gehirn mit beim Finden von Lösungen für noch nie da gewesenen Probleme. So haben wir jetzt Schutzanzüge aus dem Baumarkt organisiert mit merkwürdigen Masken, aber besser als nichts.
Mein Fittnesstudio hat geschlossen, ich bin auf Entzug und hab schon wieder Rücken- und Beinschmerzen. Jetzt wird also auf homeboxing umgestellt. Ist noch langweiliger als im Studio. Das Fahrrädchen funktioniert zumindest prima und wenn ich dann Bares für Rares gucke, passt das vom Niveau her. Es gibt immer noch genug Leute, die die goldene Uhr vom Opa verscherbeln, immer mit der faulen Ausrede, sie wollte nur mal eine Expertise haben und die Geschichte der Uhr. Nixda: Money, Zaster, Knete, Koks, Lappen, Moos. Der Opa hat den Enkel also völlig falsch eingeschätzt.
Lustig: in der Sendung geben sich alle noch die Hand und reden davon, von dem erbeuteten Geld essen zu gehen oder in den Urlaub. Und sie stehen viel zu eng aufeinander. Wie schnell das alles sehr skurril wirkt.

Der Freund aus Amerika rief an, in Ihrem Staat sind nun auch die Schulen zu, und alle wollen noch eine Pneumokokkenimpfung. Diese Bakterien setzen sich nämlich dann drauf, wenn die Lunge vom Virus geschädigt ist. Wir sollen uns doch auch impfen lassen. Wenn nur die Impfstoffe dafür hier nicht schon längst aus wären.
So schicke ich ein paar Links über Threema nach Amerika, die Podcasts von Herrn Drosten und einen Link zur großen Weltweitstatistim in schwarz und rot. Man hatte ihnen geraten, keine Statistik anzuschauen, da diese Webseiten Viren auf den Rechner schleusen würden. Soso.

Auf Twitter habe ich dieses Gedicht von Mascha Kaléko gefunden.
Mit einem wunderbaren Mantra

„Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.“

Rezept

Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muß, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.

Mascha Kaléko

6 Gedanken zu “Corona fünf

  1. Dass nicht mehr gelächelt wird, habe ich auch bemerkt. Umso mehr lächle ich die ernsten Menschen an. Heute in der Ambulanz des Nierenzentrum habe ich sogar die einen oder anderen lächelnden Augen gesehen – mehr sieht man ja hinter dem Mundschutz nicht…

  2. “ Eigentlich solle ich nicht mehr raus, eine Freundin bitten, einzukaufen.“
    *heftiges Kopfnicken
    Und deine Fiesheit ist schwarzer Humor. Verliere den bitte nicht.

  3. Ich musste gestern zum Zahnarzt, nicht geplant aber notwendig. In der Praxis gehen die Vorräte an Mundschutzen aus. Eine sehr gefährdete Berufsgruppe. Auf dem Heimweg gesehen, worüber scheinbar die Hälfte der Blogosphäre schreibt, über die andere Hälfte, die vor den Cafés sitzen. Alle Tische besetzt und dicht an dicht. Im Bus Schutzhandschuhe angezogen. Beobachtet, wie oft Menschen sich ins Gesicht fassen. Und ja, ich glaube zu verstehen, welchen Menschenschlag du meinst, mit dem Vergleich der Dokusoaps. Und noch ein Ja zum Lächeln, zum Optimismus. Wir sollten den Ernst der Lage, wie es Frau Merkel zum Ausdruck brachte, nicht unterschätzen. Aber das sollte uns nicht die Freundlichkeit rauben. Echtes Lächeln erkennt man übrigens immer an den Augen. Ein schönes Gedicht!
    Liebe Grüße schickt Elvira

    • Das mit den anderswo gehorteten Mundschutzen ist eine Katastrophe! Was wird passieren, wenn diese Menschen, die nah an den Menschen arbeiten, sich anstecken? Dann wird der Reihe nach alles Lebensnotwendige zugemacht.
      Wie kommt man an den Restverstand der Dokusoaps ran? Das sin nämlich die, die später dann rumkrakeelen, der Staat würde nichts unternehmen um sie zu schützen. Ich fand Frau Merkels Rede so klasse!
      Die Augen müssen lächeln, ja. Wenn wir uns das bewahren könnten über die nächsten Wochen, ein offenes Herz und unser warmes Lächeln.

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