Corona siebenundsiebzig

Noch ein Sommerkleidtag. Sonne und über zwanzig Grad und ich bin glücklich.
Schule strengt an, und es kostet Mühe, den Unterricht im Lehrervortag interessant zu halten. Keine Gruppenarbeit, keine ausgeteilten Arbeitsblätter, kein Schüler darf nach vorne und was erzählen. Alle sitzen wie angenagelt, auch in den Fünfminutenpausen. Im Durchzug, denn die Fenster sind offen.

Ansonsten gibt es viele Geschichten. Was halt so wichig ist auf dem Land. Baugebiete. Wem gehört was. So Zeug halt.
Dann ein bißchen im Biergarten sitzen. Ein Pensionär versucht mich von den Freunden des Rentnerdaseins zu überzeugen.
Ich könnte endlich Sache machen die mich interessierten. Nun, die mach ich schon. Ich mag mein Leben.

Das war für mich immer das Lied von einem Menschen, der ausbrechen will, der enttäuscht ist vom bisherigen Leben (mit Peter Horton).

Noch ein Lied für jemanden, der ganz neu anfangen will. Vielleicht.

Ein Leben in Erwartung auf ein Schiff, das alles ändert.

Das letzte Schiffslied für heute.

Corona sechsundsiebzig

Heute gabe es Impfung gegen Pneumokokken. Lange war kein Impfstoff lieferbar, jetzt aber schon. Pneumokokken sind Bakterien, die eine Lungenentzündung erzeugen und sich bei einer Virusinfektion durch SARS-CoV2 noch oben drauf setzen.
In der Schlange vor der Praxis wartete auch ein älterer Herr, der zuerst aus seinem Leben erzählte, und wie das mit den Mädchen früher war. Und was sturmfreie Bude bedeutete, und wie das schief ging. Dann begann er über Corona zu reden, und wie ungefährlich das sei. Und niemanden kennt einen Kranken. Ich schon, sagte ich. Er kam etwas ins Schwimmen. Nun, richtig krank seien die ja nicht. Doch, sagte ich, so krank dass zwei kaum noch atmen können, obwohl sie gesund sind. Dann wechselte er zum Altenheim, wo die Leute eh sterben, nun eben halt früher. Er war mitleidsfrei, der ältere Herr. Dabei gehört er offensichtlich zur Risikogruppe. Ob er keine Angst habe, dass er die Krankheit bekomme? Aber nein, wie gesagt, er kenne keinen, der krank sei. Logisch, was sonst.

Letzte Woche habe ich einen Bekannten gefragt, ob er wüsste, wo denn plötzlich die ganzen Deppen herkämen? Er meinte, die hätte es immer gegeben. Nur würden wir ihnen einfach im Moment zuhören.

Wie es einem Wissenschaftler geht, der auch Gefühle hat, zeigen Caroline Kebekus und Mai Thi Nguyen-Kim.

Das mit dem Gitarrenstück von gestern und meine Beerdigung haben mir zu denken gegeben. Ich habe Herrn croco gebeten, mir ein Schwert mit reinzulegen. Ich denke, wenn man mich in 1000 Jahren wieder ausbuddeln sollte und meine ganzen verheilten Brüche sieht, denken sie vielleicht, ich sei ein Folteropfer. Wenn nun ein Schwert da liegt, vermuten sie, dass ich eine Kriegerin gewesen sei. Man muss sich schon rechtzeitig mit dem Nachruhm beschäftigen.

Corona fünfundsiebzig

Den 75. kann man nicht ungefeiert vorüber ziehen lassen.
Der erste Tag im Kleid mit barfuß in den Schuhen war ein Fest. Für mich ist es jetzt Sommer. Im Garten blühen die ersten Rosen und die Kirschen werden langsam dicker.
Die Bundesländer sind übereifrig mit ihren Lockerungen, lauter fleißige Streberchen. Wenn ich in der Schule sehe, wie schwer es den Schülern fällt, nicht zu kuscheln, bin ich wirklich gespannt, wie lange das noch gut geht.
Ja, ich kenne Coronaopfer. Eine ist ganz munter, Mann und Sohn nicht so sehr. Ein anderer lag ne Woche auf Intensiv, hat stark abgenommen und bekommt schlecht Luft. Der nächste, ein sportlicher junge Mann, lag ebenfalls lange auf der Intensivstation. Und kann jetzt keine Treppe mehr hoch gehen.
Sie haben sich alle im Beruf angesteckt.
Ich bleibe also vorsichtig, will nicht nach Holland im Sommer, nicht mal an die Nordsee, zu keinem Konzert und auch nicht Shoppen.
Wir auf dem Land sind ja privilegiert. Gärten, Wald, am Bach entlang, so viele Plätze, die schön sind und das Abstand halten einfach machen. Beim Gärtner kaufen die Leute wie verrückt Pflanzen: Tomaten , Paprika, Bohnen, Geranien.
Es gibt oft Gemüsepfanne im Sommer.
Das Fitnesstudio hat wieder auf, die Freibäder auch. Wie das mit der Anzahl der Besucher geregelt wird, weiß man nicht. Man muss umgezogen kommen, die Umkleiden sind zu. Die Geräte habe ich vorher schon immer selbst desinfiziert. Ich glaube, da muss ich trotzdem nicht die erste sein.
Die Maske trage ich sehr gerne im Moment. Meine Oberlippe sieht nach Botox aus, es ist aber nur Herpes. Stress im Schulischen und Sorge um einen Menschen setzen mir sehr zu, obwohl ich viel Unterstützung habe. Ich kann es nicht ablegen.

Bei der Suche nach einem Geburtstagslied zum 75. habe ich ein so schönes Liebeslied von Peter Horton gefunden. Die neuere Version singt er viel gefühlvoller als die von 1975. Beim Wiener Unterton schmelze ich dahin. Und ja, ich war immer in den Gitarristen verliebt. Lagerfeuer, Ferienlager, and all that Jazz.

Das Lied zu den ersten Rosenblüten

Und das wünsche ich mir seit Jahren für meine Beerdigung, also irgendwann, nicht jetzt.

Toccata For A Wild Old Lady