Schafsgeschichten

Ich mag Schafe, schon immer. Und ich mag es, wie sie einfach nur da sind. Ohne großen Anspruch an das Leben sind sie wuschelig und fressen vor sich hin.

Einmal hatte ich ein neugeborenes Lämmchen auf den Knien. Die Schäferin hatte mich gebeten, es mitzunehmen im Auto. Ein Gewitter kam auf und sie wollte vorher im Stall sein, bevor die Tiere durchdrehen. Und dann kam die Geburt dazwischen. Ich fühle es heute noch, das kleine glitschige Ding. Es wusste nicht, wie ihm geschah, und schaute mich nur verwundert an. Ein bißchen grüner Stuhlgang hinterließ es mir, bevor ich es in die warme Küche bringen konnte. Es gab Kaffee von der Schäferin. Vermutlich das einzige, was man in der Küche zu sich nehmen sollte. Der Übergang zum Stall war nahtlos. Ihr Hof lag abgelegen mitten im Wald und ihr Ruf war legendär. Eine lustige lebensfrohe Frau war sie, beweglich, attraktiv. Sah aus wie fünfzig und war achtzig und ihr Freund immer zwanzig Jahre jünger.

Sie lebt nun schon lange nicht mehr, jemand hatte mal ihren Freund in einem Altenheim getroffen und der Hof ist auch verschwunden. Und ich, ich fühle immer noch das Lämmchen auf meinen Knien.

Weihnachen im Schloss

Wann haben Sie das letzte Mal Christbaumkugeln gefönt? Ich gestern. Anders bekommt man die Wachsflecken nicht weg. Ansonsten gibt es einen Baum Ton in Ton. Gold in Gold. Bienenwachskerzen werden durch rote ergänzt. Ansonsten ist es feierlich. Die Königin ist nicht fit genug für das Stadtkapellenkonzert. Kurz vorher reißt der Himmel auf, es ist tatsächlich trocken. Es gibt Glühwein und schmissige Musik. Von manchem Zuschauer werde ich richtig verwirrt angeschaut. Ist sie fremd? Woher kommt sie? Dass ich vor Jahrzehnten hier ohne Bedauern die gefühlte Enge verlassen habe, sieht man mir nicht mehr an. Schön ist es trotzdem. Ein kurzes Klingeln bei einer Freundin. Das Fenster geht auf, jetzt schaut der Sohn oben raus. Sie kommt gleich runter, ruft er. Umarmen. Weihnachtsfreude.
Das Essen ist ein bißchen improvisiert. Die Königin hatte die Zutaten mittags schon verpulvert. Gesungen wird nach Youtube. Die Stimme der einzig fähigen Sängerin im Raum zittert und die beiden anderen sind so naja. Die Geschenke sind gut ausgesucht und begeistern. Nicht viel, nicht teuer, aber persönlich.

Am nächsten Morgen werde ich durch merkwürdige Geräusche aus der Küche geweckt. Die Königin macht Butterknödel und Eierstich für ein halbes Volk. 18 Eier und zwei Pfund Butter und eine Riesenpackung Weckmehl. Ein Teil davon hängt nun an der Wand und ist über die halbe Küche verteilt. Sie kann den Handmixer nicht mehr halten, gibt sie nun reumütig zu. Ach ja, ich verstehe sie sehr gut. Es ist schwer anzunehmen, dass der Körper schwach ist.
So kann ich Braten, Gemüse, Nudeln und Saucen nicht mehr in Ruhe zubereiten, weil ihre Knödelproduktion parallel läuft. Irgendwie geht es dann, der Besuch kommt und sprengt durch sofortigen Bescherungswunsch meinen ganzen Kochplan. Mit der Folge, dass das nicht mehr so warm ist, da die Knödelproduktion immer noch zwei Herdplatten beansprucht.
Alle sind dann satt und müde, legen sich schlafen oder gehen spazieren. Pappsatt gibt es dann noch Kuchen und Nachtisch. Man schrammt an den Reizthemen vorbei, was eigentlich schade ist, da Dinge schon wieder nicht ausgesprochen werden. Das passiert vielleicht nie. Dann nimmt halt alles seinen Lauf. Dass ich die Welt nicht retten kann, davon gehe ich mittlerweile aus.
Aber wer schafft das schon an Weihnachten.

Abend im Schloss

Es geht weiter. Am gestrigen Abend wurde mir ein bißchen von Rommel erzählt. Ja, dem General, der dann zum Schluss zum Selbstmord gezwungen wurde. Man wusste das wohl damals schon, am Rande der Alb.
„Und, stell Dir vor: Frau P. kennt ‚Gefangen in maurischer Wüste’ nicht.“
„Das kenne ich aber auch nicht“.
Sie singt die erste Strophe.
„Du hast mir nur ‚Alle meine Entchen‘ vorgesungen“.
„Das ist aber auch besser für Kinder geeignet.“
Sie singt die zweite Strophe.
Mittlerweile habe ich youtube gebeten, mir zu helfen. Und, siehe da, Vico Torriani kann alles Stophen.
Sie ist fix und fertig.
„Wo hast Du das Lied her?“
„Aus dem Internet.“
„Woher kennen die das?“
Wir wechseln das Thema und schauen uns Rudolf Prack an, ihre große Liebe. Ein gediegener Schauspieler, mit vollem Haupthaar gesegnet, der ganz dunkel und wichtig spricht.
Irgendwie bin ich froh, dass er nicht mein Vater wurde.
Sie ist selig, trotz allem.
Und wir kaufen ein Kabel, damit sie jetzt auch die Handyaufnahmen vom Vogelhäuschen in groß auf dem Fernseher sehen kann. Und Rudolf Prack natürlich.